Ruhe

Max Heine-Geldern SJ

Wo komme ich inmitten der chaotischen Wasserwogen des Alltags zur Ruhe?

Am siebzehnten Tag des siebten Monats setzte die Arche im Gebirge Ararat auf.
Gen 8,4

„Was suchst Du, Max?“ „Ruhe.“ Meine Antwort überraschte mich damals und prägt mich noch heute. Sie kam spontan. Woher? Ich weiß es nicht. Als einen Ruhelosen empfand ich mich nicht. Aber eine tiefe Sehnsucht schien mit dem Wort herauszubrechen. Beim Schreiben dieser Zeilen ist mir meine damalige Erleichterung ganz präsent.
Es war das erste Gespräch mit meinem Novizenmeister, P. Josef Maureder SJ. Viele prägende sollten folgen. Wenige Tage zuvor war ich in Nürnberg in das Noviziatshaus eingetreten, die erste Station der ordensinternen Ausbildung. Zwei Jahre sollte ich in diesem zurückgezogenen, künstlichen Umfeld meine Berufung prüfen. Die sauberen Räume boten einen starken Gegensatz zum Gestank der Jugendlichen von der Straße in Bukarest, von wo ich aufgebrochen war. Dort hatte ich ein Jahr im Sozialwerk „Concordia“ gearbeitet. Mein damaliger Alltag hatte wenig Struktur. Ständige Bereitschaft war gefordert. Nun war alles poliert, glatt und ruhig. Ein klarer Tagesablauf, keine Verantwortung. Zwei Jahre kaum Kontakt nach außen. Aber es war nicht diese klösterliche Abgeschiedenheit, die ich suchte.
Im Moment meiner Antwort verdichtete sich eine längere Reise. Wann genau sie begonnen hatte, kann ich nicht benennen. Etwa sieben Jahre zuvor, während meines Architekturstudiums, schien mir klarer zu werden, dass ich weniger an irdischen Häusern bauen werde. Doch den Lebenswandel konnte und wollte ich noch nicht wagen. Erst mitten in den teilweise überfordernden Aufgaben der Sozialarbeit bildete sich der tragende Boden für den Sprung.
Nun saß ich auf einem gediegenen Sessel, in einem äußeren Rahmen, der mir fremd wirkte und fühlte mich doch angekommen. Im Wort „Ruhe“ spürte ich wie eine längere Reise der inneren Unruhe auf festen Grund aufsetzte.

Nach einer langen Fahrt umhergetrieben von wilden Wassermassen setzt die Arche auf den Bergen von Ararat auf. Der Alttestamentler P. Georg Fischer SJ übersetzt den Vers in seinem Genesis Kommentar „Und es ruhte der Kasten im siebten Monat, am 17. Tag des Monats, auf den Bergen von Ararat.“, denn an dieser Stelle wird dasselbe Verb נוח (Aussprache nuach) wie in Gen 2,15 verwendet. Dort hat Gott den Menschen im Garten Eden »ruhen« lassen. Spielerisch wird dadurch eine Verbindung mit dem sehr ähnlich lautenden Namen des Protagonisten Noach, der „Ruhe“ bedeutet, gezogen. Vielleicht verweist dieses Wortspiel damit auch über sich hinaus auf das Ziel der Reise, die Heimkehr ins Paradies, in die Gemeinschaft mit Gott.
Eine Reise, die noch eine gute Weile dauern wird. Noch bedecken die Wassermassen, das Chaos, die Schöpfungsordnung, aber die Arche wird von den Wellen nicht mehr hin und her geworfen. Sie ruht.

Nürnberg war weder das Ziel noch das Ende meiner Reise. Aber es ließ mich einen tragenden Felsen entdecken, auf dem ich ruhen kann, wenn die alltäglichen Wasserwogen mich wieder hin und her werfen wollen. Daran erinnern mich die Worte Jesu, die ich beim Anlegen der Stola täglich spreche: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ (Mt 11,28-29).