Revolution der zärtlichen Liebe

Max Heine-Geldern SJ

Wo begrenze ich mich, um zu lieben?

„Der HERR roch den beruhigenden Duft und der HERR sprach in seinem Herzen: Ich werde den Erdboden wegen des Menschen nie mehr verfluchen; denn das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an. Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe.“
Gen 8,21

Wir treffen uns zum siebten Mal. Jeden zweiten Sonntag seit November versammeln sich 35 Jugendliche zum „Grundkurs des Glaubens“. Wer möchte, kann sich Ende Mai firmen lassen. Etwa 90 Prozent nehmen mit diesem Wunsch teil. Die restlichen sind sich noch ungewiss. Grob ist der Kurs in drei Teile gegliedert: Gottesbild – Jesusbild – Kirchenbild. Wie sind die jeweiligen Bilder geprägt? Welche Bedeutung haben sie für mich, für meinen Glauben? Vier ältere Jugendliche begleiten mit mir den Kurs. Ein Kernelement ist der Austausch in der Peergruppe. Wie kann ich über meinen Glauben sprechen, in einer Sprache, die die meine ist? Eigene Erfahrungen werden reflektiert und in Dialog mit Glaubensinhalten gestellt. Die Gespräche finden meist in Kleingruppen statt. Persönliche Reflexionen können in die eigenen „Firmheftchen“ notiert werden. Jedes Treffen schließt mit einer gemeinsamen Eucharistiefeier.
Die Beteiligung ist lebendig, der Austausch untereinander respektvoll, den Glaubensinhalten gegenüber kritisch, manchmal „lost in translation“, was besonders in den liturgischen Feiern spürbar ist.
Heute wenden wir uns dem Kirchenbild zu. Die Einheit beginnt mit einem Rollenspiel. Jeanette, Chrissi, Junia und Joseph vertreten plakativ je einen Standpunkt – von „Jesus ja, Kirche nein“ bis hin zu „Außerhalb der Kirche kein Heil.“ Mit viel Herzblut haben sich die vier auf ihre Rollen vorbereitet. Die anderen hören aufmerksam zu, nehmen an der Diskussion teil. Die Einführung endet mit einer kurzen Darstellung des Wesens und der Aufgaben der Kirche als Sakrament der Liebe Jesu Christi in der Welt.
Nach diesem Impuls verteilen sie sich in Kleingruppen und reflektieren ihren eigenen Standpunkt. Wie prägt Kirche ihren Glauben, ihre Gottesbeziehung, ihr Verständnis von Jesus? Jede Gruppe sammelt auf einem Plakat, wie ihrer Meinung nach die Kirche ihren Auftrag erfüllt. Die gesammelten Schlagworte im und um ein skizziertes Kirchengebäude lassen sich unter die vier Dimension Liturgie, Zeugnis, Dienst und Gemeinschaft einordnen. Über dem Kirchengebäude schweben Wolken. Hier verdichten sich ihre Wünsche an die Kirche, wie Gleichberechtigung der Frauen, Umgang mit nicht-heterosexuellen Menschen oder Prävention von Missbrauch und Vertuschung. Es sind wichtige Themen. Sie nur als strukturelle Anfragen zu interpretieren, übersieht den tiefen Zusammenhang von Gottes-, Jesus- und Kirchenbild.
Gleichzeitig scheint mir keine Reform letztlich dem sakramentalen Auftrag der Kirche gerecht zu werden, wenn sie nicht tiefer in die Mystik der Geschwisterlichkeit führt, wie sie Papst Franziskus in Evangelii Gaudium ersehnt. „Es geht darum zu lernen, Jesus im Gesicht der Anderen, in ihrer Stimme, in ihren Bitten zu erkennen. Und auch zu lernen, in einer Umarmung mit dem gekreuzigten Jesus zu leiden, wenn wir ungerechte Aggressionen oder Undankbarkeiten hinnehmen, ohne jemals müde zu werden, die Brüderlichkeit zu wählen (EG 91).“ Auf diese Weise bezeugen wir einen Gott, wie ihn der biblische Autor beschreibt: er begrenzt sich selbst, um völlig frei auf das Gute ausgerichtet zu sein – trotz menschlicher Hartherzigkeit. Seine Barmherzigkeit ordnet seine Gerechtigkeit. Dieses Gottesbild prägt das Leben seines fleischgewordenen Sohnes, in dessen Nachfolge die Kirche steht.
Meine Hoffnung ist es, dass die Jugendlichen diesen Grund des Glaubens für sich entdecken und so begeistert an der „Revolution der zärtlichen Liebe“ mitwirken wollen (vgl. EG 88).