Respektvoll. Einfühlsam. Engagiert

Josef Steiner

Eigenschaften, die der Frage „Wie geht es dir?“ Tiefe und Wahrheit geben.

Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du?

Joh 20,15a

Rabbi Chanoch war ein schüchterner, zurückgezogen lebender Schüler des großen Rabbi Bunam von Pzyska, der als Apotheker und Holzhändler, kommunikativ und viel auf Handelsreisen unterwegs, eine faszinierende Persönlichkeit war. Die erste Begegnung mit ihm – so hat sie Martin Buber in seinen chassidischen Erzählungen festgehalten – schildert Rabbi Chanoch so. „Ein ganzes Jahr verlangte es mich, zu meinem Lehrer, dem Rabbi Bunam zu gehen und mit ihm zu reden. Aber jedes Mal, wenn ich ins Haus trat, fühlte ich mich nicht Mannes genug. Endlich kam es mir, als ich weinend übers Feld ging, dass ich sogleich zum Rabbi laufen musste. Er fragte, ,Warum weinst du?‘ ,Ich bin doch‘, sagte ich, ,ein Geschöpf auf der Welt und bin mit allen Sinnen und allen Gliedern erschaffen, und ich weiß nicht, was ist‘s, wozu ich erschaffen bin und was tauge ich auf der Welt?‘ ,Du Närrlein‘, sagte er, ,damit gehe auch ich herum. Du wirst heute mit mir zu Abend essen.‘“ Tränen, die öffnen.

„Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Schon einmal stellte Jesus Maria aus Magdala diese Fragen. Bei der ersten Begegnung. Als ein verschrecktes, geplagtes, verwildertes Mädchen vor ihm stand und er als guter Psychologe einfühlsam nach dem Grund ihrer Tränen und ihrer Sehnsucht fragte. Auf seine Zuwendung hin brachen sie aus ihr heraus. Tränen des Zornes und der Verzweiflung, Tränen der Einsamkeit und der Scham, Tränen der Ungerechtigkeit und der Armut. Tränen darüber, keine Frau sein zu können, gesund und lebensfroh, schön und geliebt, begabt und gebraucht. Die Tränen Marias öffneten Jesus den Weg zur Therapie. Er wagte das Abenteuer mit ihr, gewann ihre Zuneigung, ließ sie an sich heran. Durch ihn und mit ihm wurde sie eine starke Frau, selbstbewusst und liebenswert, sie wurde eine der tüchtigsten Mitarbeiterinnen in seinem Werk, die ihm, seiner Mutter gleich, bis zum Kreuz folgte.

Jetzt nach der Katastrophe der schmerzhaften Trennung durch den gewaltsamen Tod stellt Jesus Maria aus Magdala wieder dieselbe Frage. „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Diesmal, um ihr Raum zu geben für Tränen, wie sie nur eine Geliebte für ihren verlorenen Freund vergießen kann. Tränen der Liebe und Bindung, Tränen des Verlustes und der Trauer, Tränen der Sehnsucht und des Verlangens. Sie bergen jene Kräfte, auf die Jesus bauen kann. Er macht aus der weinenden und suchenden Maria eine lernende und erfüllte Frau. Aus der Mitarbeiterin wird eine Leiterin. Eine, die das Werk Jesu weiterträgt, die vorausgeht, die selbstbewusst eine Botin des geliebten Auferstandenen wird und Männern den Weg weist.

Die Frage „Wie geht es dir?“ ist mehr als eine Floskel. Respektvoll, einfühlsam und engagiert gestellt, bekommt sie Tiefe und Wahrheit. Sie nimmt den anderen wahr, sieht seine Situation, spürt seine Gefühle. So wird sie Ausgangspunkt für stärkende Worte, helfende Tipps, gemeinsame Suche. Über die Mitteilung der eigenen Befindlichkeit öffnet diese Frage das Tor zu Sehnsüchten und Zielen des Lebens.