Rendezvous mit der Ohnmacht

Max Heine-Geldern SJ

Wer Verantwortung für andere übernimmt, spürt bald seine Begrenztheit. Welche Hoffnung trägt mich?

Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde. Sie übernahmen Jesus.
Joh. 19,16

„Max, jetzt ist es deine wichtigste Aufgabe, einen rumänischen Freund oder eine rumänische Freundin zu finden.“ Damit endete das erste Mitarbeitergespräch zwischen Pater Georg Sporschill und mir. Drei Monate zuvor war ich im Sozialzentrum in Bukarest gelandet. Wie ein Löwe warf ich mich in die Herausforderungen der Verwaltung eines solchen Projekts. Wo ich nur hinsah, gab es Arbeit. Selbstverständlich wollte ich in meinen „sozialem Jahr“ die Welt retten. Da blieb wenig Zeit für Begegnungen mit den Bewohnern des Hauses, den Jugendlichen von der Straße und den Volontären sowie für das Erlernen der Sprache. Vor lauter Aufgaben war ich noch nicht am Ort angekommen.
Das änderte sich mit Valli schlagartig. Sie liebte den Hip-Hop und das Tanzen, achtete auf ihr Styling und sorgte oft genug für Wirbel im Haus. Als sie bei einem Mittagessen die Jungen am Tisch ziemlich anfauchte, weil sie sich über meine geringen Sprachkenntnisse lustig machten, fragte ich sie, ob sie meine Lehrerin werden wolle. Von da an trafen wir uns beinahe täglich vor dem Morgengebet zum Rumänischpauken. Sie half mir anzukommen, indem sie mich in die Welt der Jugendlichen führte. Und ich begann die Tiefe ihrer Verstrickungen in eine mir völlig fremde Welt zu verstehen. Durch Valli weitete sich mein Beziehungsnetz zu den Jugendlichen, selbst wenn ich noch immer viel Zeit im Büro verbrachte. Nach ein paar Wochen des Unterrichts lud ich sie zum Abendessen ins nahe gelegene Shopping Center ein. Wie auf ein Rendezvous freute ich mich darauf. Nach dem Essen machten wir ein Rennen mit Einkaufswägen auf dem leeren Parkplatz. Zum ersten Mal lachte Valli.
Wenige Tage später bestahl sie einen Mitbewohner. Damit verletzte sie eine der Grundregeln des Hauses. Die Konsequenz: Hausverbot. Ausnahmen hätten den fragilen Frieden im Haus gefährdet. Den Moment, als ich hinter ihr die Türe schloss, werde ich nicht vergessen. Ich wusste, welchen Gefahren sie nun wieder ausgesetzt war: sklavenähnliche Arbeit am Bau; Unterkunft bei einem Zuhälter.

Pilatus sieht den fragilen Frieden im Land gefährdet. Jesus weicht von seinem Anspruch nicht ab. Und der Präfekt entscheidet sich dafür, ihn den Konsequenzen seines Weges zu übergeben.

Wer Verantwortung für andere übernimmt, bekommt seine Begrenztheit oft ungeschminkt zu spüren. Nach dem Rauswurf traf ich Valli gelegentlich in der Stadt bei McDonalds. Es waren keine angenehmen Treffen. Die Last ihrer Verstrickungen konnte ich ihr nicht abnehmen. So lehrte sie mich, meiner persönlichen Ohnmacht in die Augen zu schauen. Sie war die Konsequenz meiner Entscheidung für die Regeln des Sozialzentrums. In solchen Momenten beruhigt mich nicht der Zuspruch meiner Kollegen, dass ich richtig gehandelt habe. Es trägt mich vielmehr eine Hoffnung, die für mich eine zentrale Aussage des Kreuzes ist: Auch wenn ich nicht mehr weitergehen kann, gibt es jemanden, der Valli bis in ihre letzten Abgründe begleitet.