Qumran und die Kinder des Lichts

Dominik Markl SJ

Zum Ursprung der Qumran-Sekte und des Christentums im Wüstenwort des Propheten Jesaja.

Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast.
Joh 17,12

Qumrans Ruinen überblicken die ölige Salzsuppe des Toten Meeres, hinter dem sich nach Osten hin die Gebirge Jordaniens erheben. Bei Sonnenuntergang verschweben sie in einer unwirklichen Mischung von gelblichen, orangen, rosarötlichen Tönen, zwischen dem bleiernen Blauschwarz des Meeres und dem diesigen Farbenspiel des Himmels. Nach Westen zu erheben sich Hunderte Meter felsiger Klippen, immer wieder von Schluchten zerfurcht, die in die judäische Wüste führen, Richtung Jerusalem. Von Jerusalem her hatten die Qumran-Leute Zuflucht an diesem tiefsten Ort der Erde gesucht, vierhundert Meter unterhalb des Meeresspiegels, dessen Ruhe von wenigen Nomaden und Reisenden durchbrochen wurde; treue Mitbewohner waren nur Steinböcke und Gazellen. Ihren Auszug in die Wüste begründete die Qumran-Gemeinschaft mit einem Wort des Propheten Jesaja: „Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt einen Weg für Gott!“

Der Alltag in Qumran war von strengen religiösen Regeln geprägt, nicht unähnlich einem Wüstenkloster: Arbeit und religiöse Übungen, vor allem Studium des mosaischen Gesetzes; Nachtwachen; Reinigungsrituale und exaktes Einhalten festgesetzter Zeiten. Treue, gütige Demut und Gerechtigkeitssinn waren Grundwerte der Gemeinschaft. In ihr waren die Kinder des Lichts vereint, während die Kinder der Finsternis von den dunklen Mächten Belials regiert wurden. Erst in einem großen Kampf der Endzeit würden die göttlichen Mächte gemeinsam mit den Kindern des Lichts die Mächte der Finsternis besiegen.
Die römische Besatzungsmacht war von solchen Gedanken unbeeindruckt, aber umso genervter von der Sturheit der jüdischen Splittergruppen, die um ihres eigenbrötlerischen religiösen Wahns willen die Machtinteressen des Reichs an der Ostfront unterminierten. Unter Titus machte man ihnen endgültig den Garaus. Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels war ihrem ach so mächtigen Gott eine deftige Lektion erteilt. Sicherheitshalber räucherte man aber auch ihre Wüstennester aus; nicht nur Festungen wie Massada, sondern auch am Weg liegende, kleinere Ansiedlungen von Extremisten, wie Qumran.

Bei ihrer Flucht hinterließen die Qumran-Leute ihre größten Schätze, ihre Schriften, in den umliegenden Höhlen. Diese Schriften erlauben uns jetzt einen faszinierenden Blick in ihre Welt. Die kleine jüdische Sekte ist zu weltgeschichtlicher Bedeutung aufgestiegen, weil sie uns hilft, die historischen Ursprünge einer anderen jüdischen Sekte zu verstehen, des Christentums, das zwei Jahrtausende Geschichte der Menschheit mitgeprägt hat. Auch das Christentum begann mit einem jüdischen Prediger, der sich auf Jesajas Wüstenwort berief – Johannes der Täufer. Wie die Qumran-Sekte oder die Pharisäer, rangen auch die ersten Christen darum, was es bedeutete, dem göttlichen Namen der Offenbarung des Mose treu zu sein. Anders als Qumrans Kinder des Lichts, die sich an den Tiefpunkt der Erde zurückzogen, verstand jedoch Jesus seine Schüler als Licht der Welt, dessen Wirkung wie eine Stadt auf dem Berge nicht verborgen bleiben sollte.