Qualen. Schläge. Erlösung

Josef Steiner

Ein harter Schnitt kürzt Schmerzen und Leiden ab.

Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
Joh 19,32

Als der Lehrer Schlomos von Karlin, Rabbi Ahron von Kalisch, starb, wollte er nicht dessen Nachfolge als Rabbi übernehmen. Da erschien ihm – so geht die Sage – im Traum sein Lehrer und versprach ihm, wenn er den Dienst der Führung und Verantwortung übernehme, die Gabe, in die Tiefe der Seele der Menschen zu sehen, die Schicksale derer, die bei ihm Rat und Hilfe suchten, klar vor Augen zu haben und ganz mit ihnen eins zu werden. Diese Fähigkeit fasste Rabbi Schlomo dann in einen pädagogischen Rat für seine Schüler: „Wenn du einen Menschen aus Schlamm und Kot heben willst, wähne nicht, du könntest oben stehen bleiben und dich damit begnügen, ihm eine helfende Hand hinabzureichen. Ganz musst du hinab, in Schlamm und Kot hinein. Da fasse ihn dann mit starken Händen und hole ihn und dich ans Licht.“ Aber bei einem kam der Rabbi an eine Grenze, er fand keinen Zugang zu seinen Sorgen, Qualen und Nöten und sagte zu ihm: „Ich habe keinen Schlüssel, dich zu öffnen.“ Der andere schrie: „So sprengt mich denn mit einem Nagel auf!“ Diesen Mann pflegte Rabbi Schlomo fortan sehr zu loben. Diese beeindruckende Szene hat Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen festgehalten.

Szenenwechsel. Drei Männer, ans Kreuz genagelt oder mit Stricken festgebunden, oder beides. Ausgeliefert einer Strafe und Hinrichtungsart, die vieles sein will: schmerzhaft, demütigend, abschreckend, grausam. Verrenkte Glieder, ausgekugelte Gelenke, hoher Blutverlust, Atemnot, Krämpfe erzeugen furchtbare körperliche Qualen. Nacktheit, unkontrollierbare Ausscheidung, verbale Ausbrüche an Hass und Verfluchung lassen die Gehenkten in einem Meer an Schmach und Schande versinken. Über möglichst viele Tage hinweg, ausgesetzt der Hitze des Tages und der Kälte der Nacht, geplagt von Durst und Hunger, preisgegeben Raubvögeln und Aasfressern, aufgezehrt von Wundfieber oder Wundbrand, sollen die Gekreuzigten langsam am Holz verwesen. Eine endlose Quälerei.

Den beiden mit Jesus auf dem Hügel Golgatha Gekreuzigten ist ein anderes Los beschieden. Die humane biblische Sicht, dass Gehenkte nicht länger als einen Tag am hölzernen Pfahl angebunden bleiben und dass sie vor allem am Sabbat, am Tag des Lebens und der Lebensfreude, nicht als Abbilder des Schreckens zur Schau gestellt werden sollen, führt zur Bitte der jüdischen Verantwortlichen an Pilatus, deren Beine zerschlagen zu lassen. So brutal das Tun der Soldaten erscheint, für die beiden Gekreuzigten bedeutet es ein schnelles Ende der Qualen. Es ist eine Form des Gnadenstoßes. Zwar werden die Schmerzen der Gekreuzigten im Augenblick, da der Körper nach unten sinkt, durch Druck auf Herz und Lunge ins Unermessliche gesteigert, aber das führt zu raschem Ersticken und Herzversagen. Der Todeskampf wird abgekürzt. Schläge, die ein Ende der Schmerzen bedeuten, eine Erlösung. Ein harter Schnitt kürzt Schmerzen und Leiden ab.