Präferenzen

Max Heine-Geldern SJ

Wo wohnst du?

„Ada gebar Jabal; er wurde der Stammvater derer, die in Zelten wohnen und vom Viehbesitz leben.“
Gen 4,20

Am 31. Oktober 2020 werden Sebastian Ortner und ich in Innsbruck zum Priester geweiht. Vor dreizehn Jahren begann meine Arbeit bei Concordia in Bukarest. Der Einsatz für die Jugendlichen verlangte innerhalb von zwölf Monaten fünf Ortswechsel. Der letzte führte nach Nürnberg in das Noviziat des Jesuitenordens. Zwei Jahre darauf ging es für ein dreijähriges Philosophiestudium nach München. Darauf folgten vier Jahre Jugendarbeit in Innsbruck und schließlich drei Jahre Theologiestudium in Rom. In wenigen Tagen breche ich nach Berlin auf, um dort die Ignatianische Schüler/-innen Gemeinschaft (ISG) zu leiten. Die vergangenen zwei Sommer brachten mich von Kalkutta nach Loyola, von Jerusalem nach Los Angeles. Stets neuer Wohnraum, neue Umgebung, neue Aufgaben, neue Menschen, geführt und begleitet von derselben Frage: Wo wohnst du? Es ist die Frage der ersten beiden Jünger an Jesus am Beginn des Johannesevangeliums. Diese Worte formen Sebastian und mich. Sie ließen uns von zu Hause sowie aus unseren Berufen aufbrechen und sollen Leitmotiv für unseren Dienst sein. Auf unseren Primizbildern wird die Frage ohne die Anrede der beiden zukünftigen Apostel stehen: „Rabbi – das heißt übersetzt Meister.“ Denn die Frage nach dem Ort, wo jemand wohnt, ist die Frage nach Beziehung. Ich will dich kennenlernen, dir folgen. Worte reichen dafür nicht. Sie müssen erlebt, sie müssen Fleisch werden. „Kommt und seht!“, so lautet die prägnante Einladung Jesu, sich immer wieder neu auf dem Weg zu machen. Denn die Antwort verändert sich mit den Umständen. Mit ihr verwandelt sich aber auch die Anrede, die Ausdruck des Verhältnisses mit dem Gefragten ist.
Von 2017 bis 2019 hat der Jesuitenorden weltweit diese Frage an Jesus gestellt. Wo wohnst du? Wohin sollen wir dir folgen? Wir erwarteten uns als Ergebnis eine Prioritätenliste für die kommenden zehn Jahre. Stattdessen erhielten wir vier Präferenzen, die all unser Tun prägen sollen. Vor allem mit Hilfe der ignatianischen Unterscheidung und Exerzitien sollen wir Menschen helfen, Gott zu finden (1). Wir sind gerufen, auf der Seite der Benachteiligten zu stehen (2), junge Menschen beim Aufbau einer hoffnungsvollen Zukunft zu begleiten (3) und schließlich für unsere Schöpfung zu kämpfen (4). Das klingt alles sehr allgemein, und im Prinzip finden sich diese Präferenzen schon in unseren Gründungstexten. Sie sind nichts Neues, denn unsere Mission, den Seelen zu helfen, bleibt die gleiche. Und doch stellen sie sich in einer veränderten Umwelt, in einem sich radikal wandelnden Orden, in einer sich ändernden Kirche völlig neu.

Sie fragen uns, ob wir, bildlich gesprochen, so flexibel sind wie Jabal. Seine Mission war die Sorge um das Vieh. Seine Präferenz war es, bei den Tieren zu sein, sie zu schützen und für sie Weideland zu suchen. Dafür wohnte er in Zelten.

Am 19. Februar 2019 hat Papst Franziskus offiziell die vier Präferenzen des Jesuitenordens angenommen und dabei die erste Präferenz als Fundament für die drei weiteren hervorgehoben. Wer Menschen auf dem Weg der Unterscheidung begleiten will, muss selbst eine tiefe Beziehung mit Gott führen. Gerade unsere heutigen weltweiten Herausforderungen können nicht mit gestrigen Antworten noch mit populären Schnellschüssen gelöst werden. Sie verlangen die persönliche Besinnung und Reformulierung der eigenen Präferenzen, um sich auf wesentliche Beziehungen einlassen zu können.