Pfingsten in den Anden

Dominik Markl SJ

Wenn Gott nicht hier ist, sag mir, wo er ist!

Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
Johannes 20,1

Das Dorf Lacco liegt in der peruanischen Provinz Cusco auf über 4000 Metern Seehöhe und ist umgeben von felsigen und vergletscherten Gipfeln. Außer Kartoffeln wächst wenig hier oben, die Menschen leben vor allem von ihren Alpakas. Die Häuschen und die Kapelle sind aus Stein gebaut und mit Gras gedeckt. Ein Mann mit Trillerpfeife kündet den Leuten in den verstreuten Häusern an, dass der Pfarrer für die Pfingstsonntagsmesse angekommen ist. Ich beobachte das Treiben von den Berghängen oberhalb des Dorfes aus, wo mich weiße Alpakas, die hier wie Gämsen grasen, verdutzt anschauen. Leute mit bunten Mützen kommen aus allen Richtungen. Eine Gruppe tanzend und musizierend, mit Hirtenflöte und Trommeln – ein Festzug, wie man ihn von antiken griechischen Vasen her kennt. In der Stille und im Widerhall von den Bergen entfalten die Instrumente ihre mystischen Klänge. Die Melodien und Rhythmen sprechen vom ehrfurchtsvollen Staunen vor den Apus, den großen Berggöttern, und vom kargen, aber herzlichen Leben in ihrer Nähe.

Langsam füllt sich die Kapelle. Sie ähnelt dem Schafstall einer urtümlichen Tiroler Alm. Licht kommt nur durch die Tür und von den vier Kerzen auf dem Tischchen, das als Altar dient. Entlang der rechten Mauer sitzen die Frauen und Mädchen, mit ihren Filzhüten am Schoß, links die Männer und Burschen. Der Flötenspieler zieht tanzend ein, hinter ihm eine Prozession von Kostümierten mit weißen Wollmasken. Auf Polstern tragen sie ihre Gaben herein. Der Jesuitenpater Antonio feiert die Messe mit den Leuten in ihrer Sprache – Quechua. Bei der Predigt behauptet er mit einem Augenzwinkern, ich Gringo würde zwar kein Wort Quechua verstehen, aber in der Atmosphäre der Feier würde auch ich die Kraft des göttlichen Geistes in der Gemeinschaft spüren. Der vierjährige Lausbub neben mir grinst und strahlt mich mit seinen dunklen, lustigen Augen an.

Nach der Messe tanzen die Kostümierten vor der Kapelle. Sie schauen Tiroler Fasnachtsgestalten ähnlich, den Mullern und Zottlern – abgesehen von den kleinen Alpakas, die am Rücken baumeln. Man lädt uns in eines der Häuschen ein. Es besteht aus einem einzigen Raum. Hier gibt es sogar einen Tisch und ein Brett an der Mauer zum Sitzen, sonst aber nichts. Jeder bekommt einen Teller mit zwei Maiskolben, vier großen Kartoffeln und einem Schnitzel vom Alpaka. Es schmeckt besonders würzig, vielleicht auch, weil man hier mit den Händen isst. Die Frauen essen draußen, umgeben von spielenden Kindern, zerzausten Hennen und Hunden.

Antonio hat mich hierher gebracht, weil sich Severin, der vor zwei Jahren beim Bergsteigen mit mir abgestürzt ist, in diese Dörfer verliebt hatte. Hier erlebe ich, dass der Stein vom Grab weggewälzt ist. Antonio leidet darunter, dass viele Peruaner ihre Landsleute, die in der ursprünglichen Kultur der Anden leben, als „Scheiß-Indios“ verachten. Das Leben hier hat ihn zu einem kräftigen Charakter werden lassen. Jetzt aber ist seine Stimme ruhig. „Wie ich dir schon in der Kapelle gesagt habe: Wenn Gott nicht hier ist, sag mir, wo er ist!“