Palmyras Herr des Himmels, Allah und das Jahr der Barmherzigkeit

Dominik Markl SJ

Barmherzigkeit wird zum letzten Ausweg, wenn aus menschlicher Sicht nichts mehr gut zu machen ist.

Da sagte die Pförtnerin zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er antwortete: Nein.

Joh 18,17

Palmyra, eines der Wunder der Antike in der syrischen Wüste, ist zu trauriger Berühmtheit gelangt. Im August des vergangenen Jahres jagte der sogenannte Islamische Staat seine antiken Tempel in die Luft. Zwei Jahrtausende hatten sie den Wüstenstürmen standgehalten, bevor sie sich binnen weniger Sekunden in schwarze Pilze aus Rauch verwandelt hatten. Einer dieser Tempel war Baalschamin gewidmet – dem „Herrn des Himmels“. In einer Inschrift wird dieser Gott „barmherzig“ genannt. Mit demselben Wort bezeichnet der Koran Gott ganz zu Beginn: „bismi (A)llah al-rachman al-rachim“, „im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Erbarmers.“ Diese Formel ist im Alltag gläubiger Muslime allgegenwärtig, mit ihr beginnt jede wichtigere Rede oder Tätigkeit. Gott ist in den Augen des Islam zuallererst und vor allem: barmherzig. Dieser Gedanke speist sich aus mehreren Traditionen vorislamischer arabischer Religion und findet sich sowohl im antiken Südarabien als auch im nördlichen Palmyra. Der Himmelsherr von Palmyra ist einer der direkten Vorfahren des Gottes des Islam. Wer seine Denkmäler zerstört, beraubt den Islam und die arabische Kultur ihrer geschichtlichen Wurzeln.

Auch in der Bibel spielt die Barmherzigkeit Gottes eine zentrale Rolle. Sie ist ein spezifisch weiblicher Wesenszug Gottes, denn das hebräische Wort für Barmherzigkeit, „rächäm“, bezeichnet in seiner konkreten Bedeutung den Mutterschoß. Mütter sind es auch, die das von dort ausgehende Gefühl besonders stark erleben, wenn ihre Kinder bedroht sind. Als sich zwei Mütter um ein Baby streiten und der weise König Salomo vorschlägt, es in der Mitte auseinanderzuschneiden, so dass jede eine Hälfte bekommt, da wird die „Mutterschößigkeit“ der wahren Mutter „heiß“ – das Hebräische bringt Emotionen in körperlichen Bildern zum Ausdruck – und die Frau will ihr Baby an die Lügnerin abtreten, um dessen Leben zu retten. Doch selbst Männer können so tiefe Gefühle haben: Josefs „Mutterschößigkeit“ macht sich heiß bemerkbar, als er nach vielen Jahren als Fremder und fern der Familie in Ägypten seinen jüngsten Bruder sieht. Und sogar Gott hat solche zutiefst menschlichen Gefühle, besonders, wenn das Leben seines Volkes bedroht ist. „Für einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großer Mutterschößigkeit werde ich dich sammeln“, spricht Gott beim Propheten Jesaja.

Jesus muss für seinen hitzköpfigen Freund Petrus einiges an Barmherzigkeit aufbringen. Dreimal behauptet Petrus, nichts mit Jesus zu tun zu haben, während dieser auf seinen Tod zugeht. Nach der Auferstehung wird Jesus ihn dreimal fragen, ob er ihn wirklich liebt; so holt er ihn in seine Nähe zurück. Barmherzigkeit wird zum letzten Ausweg, wenn aus menschlicher Sicht nichts mehr gut zu machen ist, wenn die Chancen auf Gerechtigkeit verspielt sind. Papst Franziskus hat ein „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen. Barmherzigkeit ist vielleicht eines jener Worte, die vom Aussterben bedroht und doch überlebenswichtig sind.