Nicht mit den Hunden heulen

Ruth Zenkert

Wo begegne ich dem Bösen? Wann wurde es für mich gefährlich?

Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.
Joh 17,15

Der deutsche Student lag am Boden, mit rotem Kopf, die Nickelbrille daneben. Hitzschlag. Mit Freunden war er nach Rumänien gekommen, um hier im Roma-Viertel Licht in die stromlosen Hütten zu bringen, mit dreißig „Solar-Kits“: Eine kleine Solarzelle wird auf das Dach montiert, die eine Glühbirne speist. Keine laufenden Kosten, eine geniale Idee. Der Bürgermeister gab den Studenten eine Liste mit Namen armer Familien, an die erste Stelle setzte er sich selbst. Beim letzten Haus gingen den Idealisten die Kräfte aus. Doch sie freuten sich mit den Dorfbewohnern auf das Licht. Drei Wochen später war an keiner Hütte mehr eine Solarzelle zu sehen. Verscherbelt, sicherlich weit unter dem Wert, wahrscheinlich für Zigaretten, Nescafé oder Schnaps. Nur die Solarzelle des Bürgermeisters war noch in Betrieb – obwohl er sie gar nicht brauchte, weil er Strom hat. „Siehst du, es hat keinen Sinn. Die Zigeuner verkaufen alles, was du ihnen gibst. Man kann ihnen nicht helfen“, so heulte er mit den Hunden.

Dieser Satz schlug mir entgegen, als ich selbst im Dorf mit einem Sozialprojekt begann. Warum kommt eine solch gute Idee nicht an?, fragte ich mich. Da muss etwas schief gelaufen sein. Es motivierte mich noch mehr, mich hier mit den und für die Menschen einzusetzen. Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Wir bauen Lehrwerkstätten auf. Ich kämpfte um Victor, einen Jugendlichen, der allein in einer Hütte wohnte, die Eltern hatten ihn zurückgelassen. Seit Jahren geht er nicht mehr in die Schule, er schlägt sich als Taglöhner durch. In der Werkstatt hielt er es nur wenige Tage aus, dann war er wieder verschwunden. Der Meister kam entnervt zu mir, er wolle Victors Platz mit einem anderen besetzen. „Mit Victor hat es keinen Sinn. Den kannst du vergessen“, hörte ich mich selbst sagen. Weil Victor nicht der Einzige war, der unregelmäßig kam, begann ich am ganzen Projekt zu zweifeln. Vielleicht wollen sie wirklich nicht arbeiten und warten nur auf die Pakete, die von den Hilfsorganisationen gebracht werden? Nein! Ich dachte an die Solarlampen und an die bösen Töne gegen die Roma. Nie möchte ich in den Refrain einstimmen, dass bei den Zigeunern alles sinnlos ist. Wir werden den Weg weitergehen und die Jungen für das Lernen und die Arbeit gewinnen.

„Bewahre uns vor dem Bösen“, lehrt uns Jesus zu beten. Es ist die letzte Bitte im Vaterunser. Jesus hat das Böse erlebt, das in der Welt ist und jedem begegnet. Durch Menschen, die dich bedrohen, aber auch durch das Böse, das auf dich zukommt: Krisen, Kriege, Verleumdung, Gier, Vorurteile. Böse ist auch, wenn Ängste vor Fremden und Flüchtlingen geschürt werden. Jesus will, dass wir uns in die Welt mit ihren Problemen hineinwagen, die Not berühren. Nicht in der Vorsicht, sondern im Zupacken gibt er uns die Sicherheit, dass wir vor dem Bösen bewahrt werden. Nur nicht mit den Hunden heulen. Die Vaterunser-Bitte „Bewahre uns vor dem Bösen“ hat mir geholfen, nicht über die Roma zu schimpfen, nicht über sie, sondern mit ihnen zu reden.