Neuschöpfung 2.0

Max Heine-Geldern SJ

Was würde ich tun, wenn ich göttliche Macht hätte?

Gott sah sich die Erde an und siehe, sie war verdorben; denn alle Wesen aus Fleisch auf der Erde lebten verdorben.
Gen 6,12

Die ganze Welt liegt uns zu Füßen. Na ja, um genauer zu sein, sieben Firmkandidaten blicken auf eine aufgehängte Weltkarte. Wenige Tage vor Weihnachten dürfen sie wie Jim Carrey im Film „Bruce Allmächtig“ mit Gott den Platz tauschen. Ihnen ist alle Macht in die Hände gelegt. Doch bevor sie handeln, sollen sie einen genauen Blick auf die Erdbevölkerung werfen und beschreiben, was sie sehen. Die Buntheit der Menschen, helle und dunkle, kleine und große, starke und schwache. Die einen in Frieden, andere im Krieg. Die einen weinend, andere lachend. Die einen gesund, andere krank. Die einen geboren werdend, andere sterbend. In einem zweiten Schritt sollen die Teenager hören, wie die Menschen miteinander sprechen, wie sie schwören oder lästern, schmeicheln oder fluchen, belehren oder fragen. Schließlich sollen die frisch ernannten Götter wahrnehmen, was die Menschen tun, wie die einen sich umarmen, andere sich schlagen, wie die einen trösten, andere verwunden, wie die einen heilen, andere töten, wie die einen beten, andere verzweifeln. Nach dieser kleinen Wahrnehmungsübung beschreiben sich die Jugendlichen ihre Erkenntnisse gegenseitig. Trotz dem vielen Schönen auf der Erde sind sie von all dem Leid und der herrschenden Ungerechtigkeit betroffen. Wie können die Menschen nur dermaßen blind sein, dass sie sich gegenseitig das Leben so schwer machen?! Nun sind die Jugendlichen gefordert. Was würden sie an Gottes Stelle für das Heil der Menschen tun? Friedenstruppen aufstellen, schlägt Lukas vor, oder einen Superhelden senden. Eine lebhafte Diskussion entbrennt, bis Johannes einwirft: „Ich würde die ganze Menschheit ausradieren und noch einmal neu starten.“

Sein Lösungsvorschlag klingt ebenso radikal wie die biblische Sintflut, die in sich ähnliche Erzählungen aus benachbarten Kulturen verarbeitet. Sie schildert kein geschichtliches Ereignis, sondern möchte Aussagen über Gott vermitteln, die den Menschen Orientierung im Leben geben sollen. Bei aufmerksamem Lesen fällt auf, dass die Beschreibung der Verdorbenheit des Fleisches im Verhältnis zur Schilderung der Erwählung des Noach, des Baus der Kiste, des Einzugs der Tiere und deren Errettung weitaus mehr Raum einnimmt. Konkret steht der Betonung der Verdorbenheit allen Fleisches der einzelne, hörende Noach gegenüber. Ein Gläubiger allein scheint für das Heil der Welt zu genügen. Dafür braucht er keine Superkräfte.

Die Wahrnehmungsübung mit den Firmlingen orientiert sich an einer Übung aus dem Exerzitienbuch des heiligen Ignatius. Dort soll der Übende betrachten, wie die Dreifaltigkeit die Welt sieht. Ihr Blick wechselt dabei ständig von der Gesamtheit der Menschheit hin zu einer einzelnen Frau abseits vom Weltgeschehen, zu Maria. Mitten in den Fluten der Weltgeschichte schafft Gott im weiblichen Schoß der Hörenden eine neue Schöpfung. Was sich aus christlicher Leseweise typologisch in der Flutgeschichte andeutet, beginnt sich zu Weihnachten zu erfüllen. Doch das Kind in der Krippe bleibt die meiste Zeit seines Lebens verborgen. Sein kurzes öffentliches Auftreten vertreibt weder die Römer noch führt es zum Frieden für sein Volk. Der jüdische Hoffnungsträger findet am Kreuz ein jähes Ende. Gottes Lösung gleicht angesichts der Verdorbenheit der Erde jugendlicher Torheit.

Sind wir bereit, auf sein fleischgewordenes Wort in der Krippe zu hören?