Narben der Liebe

Josef Steiner

Hingabe und Einsatz bringen auch Verletzungen, Kränkungen und Wunden. Sie sind besondere Momente des Lernens.

Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht.

Joh 20,25

Rabbi Mosche von Kobryn hatte die Fähigkeit, große Fragen und tiefgründige Reflexionen in kurze und bildhafte Worte zu fassen. Mitbedingt war das durch seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen in einem kleinen litauischen Dorf, als Sohn von Eltern, die ihr tägliches Brot hart erarbeiten mussten. Sie formten sein pragmatisches Denken und sein klares Sprechen. Ein schönes Beispiel seiner geistigen Einstellung und Formulierungskunst hat Martin Buber in der Sammlung seiner Chassidischen Erzählungen festgehalten. Es führt in die Kindheit Mosches, als er einmal erleben musste, wie eine große Hungersnot in Litauen ausbrach. Auch durch sein Dorf zogen täglich Scharen von armen Menschen auf der Suche nach Nahrung und Überleben. Mosches Mutter mahlte tagaus, tagein mit einer Handmühle Korn, backte Brot und verteilte es unter den Armen. „An einem Tag“, so erzählt Buber, „kam eine größere Schar als sonst, das Brot reichte nicht für alle. Aber der Ofen war geheizt, Teig lag in den Schüsseln, eilig nahm die Frau davon, knetete die Laibe zurecht und schob sie in den Ofen. Die Hungrigen jedoch brummten, weil sie warten mussten, und etliche Freche unter ihnen verstiegen sich zu Scheltworten und Flüchen. Darüber brach die Frau in Tränen aus. ,Weine nicht, Mutter`, sagte der Knabe, ,tu nur deine Arbeit und lass sie fluchen und erfülle Gottes Gebot! Vielleicht, wenn sie dich lobten und segneten, wäre es weniger erfüllt.`“ Ein kurzer Satz mit tiefer Aussage. Eine kleine Kränkung, gedeutet als besonderer Moment des Lernens.

Thomas ist ein besonderer Schüler Jesu. Er hat dessen erstes Wort, mit ihm und von ihm zu lernen – „Kommt und seht!“ -, ernst genommen. Auch nach Jesu Sterben am Kreuz. Die überraschende Erzählung seiner Mitkämpfer und Mitleidenden, dass sie Jesus gesehen haben, genügt ihm nicht. Das muss er zuerst selber sehen. Sein Blick richtet sich auf die Hände Jesu. Hände, die so viel Gutes getan haben. Die blinden Menschen Augenlicht und Durchblick schenkten, verstopfte und verschlossene Ohren öffneten, erstarrte Zungen zum Sprechen und gelähmte Menschen zum Gehen brachten. Diese Hände der Liebe, des Zupackens und Handelns, die am Kreuz durch eingehämmerte Nägel oder durch fesselnde Stricke entmachtet und zur Untätigkeit verurteilt waren, sie will er mit eigenen Augen wahrnehmen. Auf ihre Narben, Einschläge, Wunden, Verletzungen schauen und von ihnen lernen. Er will Augenzeuge sein, dass diese gezeichneten und verletzten Hände leben und weiterwirken. An solchen Händen will er sein Vertrauen und seinen Glauben an Jesus festmachen. „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht.“ Ein berechtigter Wunsch des Schülers Thomas, der ihm eine besondere Begegnung mit seinem Herrn und Meister schenken wird. Liebe hinterlässt Spuren. Hingabe und Einsatz bringen auch Verletzungen, Kränkungen und Wunden. Sie sind besondere Momente des Lernens.