Nackte bekleiden

Josef Steiner

Ein erster Schritt, dem Menschen Schutz und Würde zu verleihen.

Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.
Gen 3,21

Nachdem die Bibel in eindrücklichen Bildern die Verfasstheit des Menschen realistisch beschrieben hat – seine Herkunft und Verwiesenheit auf Erde und Staub, die schmerzhaften Prozesse der Weitergabe des Lebens und den mühsamen Kampf um das tägliche Brot –, endet die Paradiesesgeschichte mit einer wunderbaren Einkleidungsszene. Nackt geschaffen, ohne sich zu schämen, hat der heranwachsende Mensch mit der Entdeckung der Sexualität auch zum ersten Mal Schamgefühl verspürt. Darum ergänzt der Schöpfer die Feigenblätter, die in einer ersten Reaktion auf diese Entdeckung die Scham verdeckten und verbargen, mit Fellen oder Häuten von Tieren. Der gesamte Leib soll gleichsam wie durch eine zweite Haut umhüllt werden. So wird „Nackte bekleiden“ in der Bibel zu einem wichtigen Werk der Barmherzigkeit Gottes, in dem der praktische Nutzen und der kulturelle Wert der Kleidung zum Ausdruck kommen. Gott gibt dem Menschen Kleider für den kommenden harten Alltag außerhalb des Paradieses, zu seinem Schutz und seiner Sicherheit. Schutz vor der sengenden Glut der Sonne am Tag, vor der beißenden Kälte in der Nacht, Schutz auf Wegen durch unwegsames Gelände, durch Nesseln, Disteln und Dornen, Schutz vor Angriffen und Verletzungen durch feindliche Tiere und Menschen. Das ist das eine. Das andere ist der kulturelle Wert der Kleidung als Verhüllung der Scham. Sie ist in der Bibel ein erstes und unerlässliches Merkmal einer menschlichen Gesellschaft, die ein Gespür für sittliches Gefühl und Verhalten hat. So wird das Kleid ein Symbol für die Würde des Menschen, dessen Schamgefühl eine Hemmschwelle gegen den Missbrauch der Sexualität darstellt.

Eine Fortschreibung dieses biblischen Werkes der Barmherzigkeit Gottes erlebte jenes Kind, dessen Geburt die gesamte Welt vor zwei Tagen gefeiert hat. Die weihnachtliche Erzählung betont, dass Maria, die Mutter, das Neugeborene in Windeln wickelte und in eine Krippe legte. Und die Engel beschreiben den in Windeln gewickelten und in einer Krippe liegenden Säugling, damit die Hirten das gesuchte Kind auch erkennen. So verlängert Maria Schutz und Wärme des Mutterschoßes hinein in die raue Welt des Geburtsortes, umhüllt die Nacktheit des Säuglings, schützt ihn vor Hitze und Kälte und gibt ihm Würde und Größe. Gute Voraussetzungen dafür, dass aus diesem Kind etwas Großes wird und von seinem Gewand einmal heilende Kräfte ausgehen werden. Ja dieses Kind wird am Ende des Lebens sogar den Mut und die Kraft aufbringen, der Kleider beraubt, nackt auf einem anderen Holz als dem der Krippe zu liegen.

Das Werk der Barmherzigkeit „Nackte bekleiden“, was heißt das heute? In einer Kultur, die einerseits Nacktheit als besonders erstrebenswert, provokativ und als Befreiung verkündet und die inszenierte Nacktheit als „Ästhetik der Blöße“ hochstilisiert, die aber andererseits durch im Vierteljahrestakt wechselnde Mode ungeheure Ressourcen an Rohstoffen und Kinderarbeit verbraucht. Die Aufgabe bleibt, ein Auge dafür zu haben, wo Menschen ausgezogen, erniedrigt, entwürdigt, verspottet und gedemütigt werden, und für sie einzutreten. Ein erster Schritt, dem Menschen Schutz und Würde zu verleihen.