Mutig anders leben

Josef Steiner

Starke Worte in konkrete Taten umzusetzen ist anstrengend. Aber es wirkt beispielhaft.

 
Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.
Joh 17,17

Sie haben ihm manche Häme – ein „grüner Papst“ – und viel Kritik – ein „Sozialromantiker“ – eingetragen, jene Worte, die Papst Franziskus im Blick auf den Zustand der Menschheitsfamilie wählte. Wenn er von einer Erde spricht, die seufzt und in Geburtswehen liegt, weil sie eine „unermessliche Mülldeponie“ geworden ist. Eine Erde, in der Herrschen, Konsumieren, Ausbeuten zu bestimmenden Paradigmen des Umgangs mit den Ressourcen der Erde geworden sind. Mit der beängstigenden Perspektive des Kampfes um die Grundelemente Wasser, Luft und Öl und des Kampfes um das tägliche Brot zwischen Armen und Reichen. Mit brennender Sorge, motiviert und getragen von seinem biblischen Glauben, dass Leben und Erde Geschenke des Schöpfers sind, lädt der Papst alle Menschen guten Willens ein, mit ihm nachzudenken über den eigenen Lebensstil, über den täglichen Konsum und über die damit zusammenhängenden Produktionsprozesse. Nicht moralisch und nicht von oben herab lädt er alle ein, den Weg vom geistlosen Konsumieren zum Sich- Einschränken, von der süchtig machenden Habgier zur befreienden Freigebigkeit, vom maßlosen Verschwenden zum miteinander Teilen zu gehen.
Starke Worte, aber glaubhaft. Denn während größenwahnsinnige und machtgierige Potentaten Paläste mit tausend Zimmer bauen, lebt und arbeitet er in einer Wohnung mit zwei Zimmer in einem Gästehaus. Während prunksüchtige Frauen sich brüsten, zehntausend Paar Schuhe ihr Eigentum zu nennen, begnügt er sich mit zwei Paar schwarzen. (Auf die symbolbeladenen, traditionellen „roten Schuhe“ hat er ganz verzichtet). Während eine Mode- und Designwelt zweimal im Jahr mit neuesten Modellen an Kleidung und Schmuck den Menschen Selbstbewusstsein und Bedeutsamkeit vermitteln will, bleibt er bei seiner einfachen weißen Soutane und dem eisernen Bischofskreuz. Papst Franziskus hat den Mut anders zu sein. Anders als seine Vorgänger, anders als viele politische und wirtschaftliche Führungskräfte unserer Tage. Anders als das, was ein ichbezogener, verantwortungsfreier und unsolidarischer Lebensstil als schnellen Weg zum Glück suggeriert, der mit so viel Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit gepflastert ist. Er hat sich entschieden, der Sicht der Erde und dem Menschenbild der Bibel zu dienen, ihrer Wahrheit zu vertrauen, sich von ihr in die Pflicht nehmen zu lassen und so seinen Teil zur Rettung der Welt beizutragen. Die Bibel nennt das – etwas fromm und für uns ungewohnt -, sich für die Wahrheit dieses Buches zu heiligen.

Papst Franziskus ist ein guter Schüler Jesu. Denn Jesus sah sein messianisches Projekt nicht darin, die Welt zu be- und zu verurteilen, sondern sie zu retten. Das hieß für seine Zeit, der römischen und griechischen Welt das Tor zur Bibel aufzutun. Ihnen die Wahrheit dieses Buches aufzuschließen, die Wahrheit eines befreienden Gottes- und Menschenbildes. Bei seinem Abschied bestärkt Jesus in seinem Bittruf an den Vater „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit!“ seine Mitkämpferinnen und Mitkämpfer: Bleibt diesem Programm verpflichtet. Papst Franziskus tut es.