Mut aus der Geborgenheit

Ruth Zenkert

Wer hat mir Sicherheit geschenkt, aus der heraus ich etwas wagen konnte? Wo habe ich die Kraft gespürt, eine Aufgabe anzupacken?

 
Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.
Joh 17,8b

„Aualeu“, sagt Ionela leise. Ein neuer Volontär hat den Frühstückstisch für den nächsten Morgen gedeckt. Die Tassen stehen in der Mitte des Tisches, es fehlen Servietten, es gibt keine Kerze. Das Mädchen huscht um den Tisch und rückt mit ihren zarten Fingern schnell die Tassen an die Plätze, den Griff sorgfältig nach rechts ausgerichtet, die Löffel daneben und die Messerschneide zum Teller. Sie prüft, ob die Fenster zu sind, und löscht das Licht. Die zehnjährige Ionela wohnt seit drei Monaten bei uns. Als sie kam, war sie ein verschüchtertes kleines Mäuschen, schmutzig, verlaust, geprügelt. Bei ihr zuhause gab es keinen Tisch, alle aßen am Boden, mit den Fingern aus der Schüssel, von Besteck keine Spur. Nie war das Kind in der Schule. Die ersten Tage konnte Ionela nicht gemeinsam mit uns essen. Sie schob den Kopf unter die Tischplatte, niemand sollte sie sehen. Angelica, selbst ein ehemaliges Straßenkind, gewann ihr Vertrauen. Wenn wir alle aufgestanden waren, saßen die beiden am Tisch, Ionela nippte an ihrem Tee und aß ein paar Bissen Brot. Inzwischen sind die geschorenen Haare gewachsen, ihr Gesicht ist schön und hell geworden. Ihr Ehrgeiz ist es, das Tischgebet anzustimmen. Wenn aus Versehen ein anderer beginnt, schaut sie ihn vorwurfsvoll an und sagt: „Du hast mir das Gebet gestohlen. Das darf ich machen.“ Ionela lernt jetzt Lesen und Schreiben, sie hilft beim Kochen für die Hausgemeinschaft. Mit Angelica besucht sie jeden Tag die Mutter, die mit den vielen anderen Geschwistern in einer Hütte lebt. Sie nimmt den Besen und kehrt den Dreck hinaus. Ihr Traum ist es, dass es dort einmal einen Tisch gibt und sie der Mutter zeigen kann, wie sie ein Frühstück herrichtet, mit Tassen, Tellern und einer Kerze.
Nach der langen Phase, in der sie nicht vertrauen konnte, hat Ionela in die Gemeinschaft gefunden. Durch Angelica hat sie erkannt, dass es hier gut für sie ist. Auch die Schüler Jesu brauchten viel Zeit, bis sie ihm vertrauen konnten. Bis sie an ihn glaubten und an seiner Sendung mitarbeiteten. Wie sehr hat sich Jesus abgemüht, jeden Einzelnen zu gewinnen! Viele haben ihn wieder verlassen, ringend fragte er die verbliebenen Schüler: „Wollt auch ihr gehen?“ Jesus lebte mit ihnen – das war gemeinsames Essen, Wohnen, Arbeiten, Ruhen -, er liebte sie und ging ihnen so lange voran, bis sie stark genug waren, sein Werk zu übernehmen. Erleichtert berichtete Jesus seinem Vater diesen Augenblick: „Sie haben wirklich erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.“

Als verschrecktes Kind kam Ionela zu uns. In einem ehemaligen Straßenkind hat sie eine Freundin gefunden. Nun ist sie selbst zu einer Lehrerin der Tischkultur für unsere Neuen geworden und zu einer wertvollen Mitarbeiterin.

Wer hat mir Sicherheit geschenkt, aus der heraus ich etwas wagen konnte? Wo habe ich die Kraft gespürt, eine Aufgabe anzupacken?