Mit Tieren leben

Josef Steiner

Tierliebe und Tierschutz jenseits von verbohrter Ideologie und geistlosem Konsumverhalten

Alle Tiere, alle Kriechtiere und alle Vögel, alles, was sich auf der Erde regt, kamen nach ihren Familien aus der Arche heraus.
Gen 8,19

Eine alte jüdische Erzählung schildert das Leben in der Arche Noachs so: „Während der zwölf Monate, die Noah in der Arche war, genoss er nicht einen Augenblick den Schlaf. Nicht er und nicht seine Söhne, nicht bei Tag und nicht bei Nacht. Denn sie waren damit beschäftigt, die Tiere, die mit ihnen waren, zu ernähren. Es gab Tiere, die um ein Uhr mittags aßen, und es gab solche, die um zwei, um drei oder um vier usw. aßen. Es gab Tiere, die im Drittel der Nacht aßen und solche, die um Mitternacht oder bei Morgengrauen essen wollten. Und was pflegte er ihnen zu essen zu geben? Jeder Tierart das, woran sie gewöhnt war: Stroh den Kamelen, Reben den Elefanten, Gerste den Eseln, Kraut den Gazellen und Glasstücke den Sträußen. Noah kannte die Speisen aller Tiere. Nur die der Zikaden wusste er nicht. Als er aber einmal einen Granatapfel aufschnitt und daraus ein Wurm fiel, stürzte sich die Zikade auf ihn und fraß ihn mit Appetit. Seit damals pflegte Noah Kleie einzuweichen, und die Würmer, die darin wuchsen, gab er den Zikaden zu fressen. Nicht immer fiel die Ernährung der Tiere glimpflich aus. Einmal vergaß Noah, dem Löwen zu essen zu geben. Da biss ihn der Löwe in den Fuß, und Noah wurde lahm.“ (Israel Zwi Kanner, Jüdische Märchen).
Gestärkt durch diese einjährige Solidargemeinschaft in der Arche, können alle Tierarten wohlbehalten und geordnet den Auszug aus der engen Quarantäne in ihren natürlichen freien Lebensraum wagen. Viele Tierschutzvereine und Einrichtungen zur Tierhilfe und zum Tierwohl nennen sich „Arche Noah“, um diesem biblischen Vorbild der Solidarität mit Tieren und der Sorge für sie, vor allem was deren Lebensbedingungen und Ernährung betrifft, verpflichtet zu bleiben.

Das Menschenbild der Bibel betont als Schlüssel zu einem verantwortbaren Leben von Beginn an die gegenseitige Verwiesenheit von Menschen und Tieren. Schon dass die Landtiere – bildlich gesprochen – am selben Schöpfungstag wie der Mensch geschaffen werden, macht sie zu Partnern des Menschen, mit denen er sofort über Sprache und Namensgebung eine enge Beziehung aufnimmt. Gott sorgt sich um die Tiere im selben Maß wie um die Menschen. Das bezeugt der biblische Glaube: „Du rettest Menschen und Tiere, HERR“ und „Er gibt dem Vieh seine Nahrung, den jungen Raben, die schreien.“ Vor allem aber hat die soziale Gesetzgebung die Tiere unter den Schutz der Weisungen Gottes gestellt. In die Ruhe am Sabbat sollen neben den Knechten und Mägden und den Fremden die in Arbeitsgemeinschaft mit dem Menschen stehenden Tiere, „dein Rind und dein Esel und dein ganzes Vieh“, einbezogen werden. Darum werden in der Bibel auch alle Tiere, wilde und zahme, Kriechtiere und gefiederte Vögel eingeladen, den Schöpfer zu loben und zu preisen. Eines aber sollte der Mensch nie tun: Tiere für Götter zu halten und ihnen entsprechende Verehrung zukommen zu lassen.
So plädiert die Bibel für Tierliebe und Tierschutz jenseits von verbohrter Ideologie und geistlosem Konsumverhalten.