Menschen, die mit sich und anderen eins sind, haben die stärkste Anziehungskraft.

Ruth Zenkert

Bei wem fühlst du dich angenommen? Zu welchen Menschen zieht es dich hin?

 
Ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.
Joh 17,23

 

Langsam kommt Rada um die Ecke. Als sie sieht, dass ich aus dem Fenster schaue, verwandelt sich ihr Schritt sofort in ein starkes Hinken. Tief gebückt, die rechte Hand an die Lende gedrückt, schleppt sie sich weiter und sinkt auf der Bank vor unserem Haus nieder. Stöhnend schildert sie die Qualen der Nacht, totales Organversagen – und das alles, weil unser Hund sie ein bisschen gezwickt hat. Statt der geforderten Fahrt ins Spital gibt sie sich mit einer Schmerztablette zufrieden und kriecht heimwärts.
Es ist ein ruhiger Samstag. Gegen Abend höre ich im Dorf feine Klänge, wunderschöne alte Roma-Lieder. Ich folge den einladenden Melodien und lande in unserer Musikschule. Obwohl heute kein Unterricht ist, ist der Vorplatz voll mit Kindern. Bänke und Tische sind aufgestellt. An der Ecke rauchen die Kohlen im Grill, der Duft von Fleischbällchen zieht in meine Nase. Florin eilt mit Wasserflaschen und Plastikbechern herum und bedient die durstigen Gäste. Simon verteilt das Essen. Unsere Musiklehrer, Ogi, Lütfi, Ali, hatten sich zu Mittag zusammengetan, um mit ihrer jungen Schatra, den besten Musikschülern, zu üben. Andere kamen mit, um zuzuhören, einige waren stehengeblieben oder wie ich der Musik nachgegangen. Weil gute Stimmung herrschte und alle Hunger hatten, holten die Lehrer etwas zum Essen. Nun beginnen Kinder und Erwachsene zu tanzen. Ich schaue zu – und entdecke Rada unter den Tänzerinnen. Ich zeige mit der Hand auf die rechte Lende und hebe fragend die Augen: „Ist alles wieder in Ordnung?“ Rada lacht und dreht sich, der Rock schwingt weit. Mit einer Handbewegung winkt sie mich zu sich. Wir tanzen gemeinsam. Wunden heilen manchmal schnell. Und Buli, der Hund, sitzt brav im Schatten und wartet auf ein weiteres Würstchen.

Ich lebe in der Welt der Roma. Werde ich sie je verstehen? Wie oft täusche ich mich. Not und Freude haben hier scharfe Konturen. Das Verstehen braucht unglaubliche Kräfte, auf beiden Seiten. Ogi, Lütfi und Ali haben solche Kräfte. Nicht nur weil sie wunderbar Klavier und Geige spielen, sondern weil sie Freunde geworden sind. Ihr Zusammenhalt hat sie selbst gestärkt. Die schwere Vergangenheit, Unterdrückung, Armut und Leben auf der Straße, ist weggewischt. Das Ringen um ihre Freundschaft hat sie selbst geheilt. Jetzt wissen sie, sie sind geliebt.

Vollendet in der Einheit sollen seine Schüler sein, das wünscht sich Jesus. Sein Werk ist gewachsen, weil sich seine Schüler geliebt wussten und untereinander eins waren. In vielen Konflikten haben sie an der Einheit gearbeitet und sich danach gesehnt. Wer um die Einheit kämpft, hat die gleiche Ausstrahlung wie der, dem sie geschenkt ist. Einheit und die Bemühung um sie ist ansteckend. Die Freundschaft zwischen den Musiklehrern schenkt unseren Kindern die Freude an der Musik, am Lernen, und strahlt ins ganze Dorf aus.
Bei wem fühlst du dich angenommen? Zu welchen Menschen zieht es dich hin?