Menschen, die den riskanten Weg wählen

Georg Sporschill SJ

Den Bewahrenden stehen die Wagemutigen gegenüber. Welche Persönlichkeiten brauchen die müde gewordene Kirche, ein erfolgreiches Unternehmen oder das alte Europa?

Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.

Joh 21,2

Vor sechs Jahren haben wir in Siebenbürgen mit einem neuen Werk begonnen. Wir kamen in ein Dorf, sahen die Not der Familien und ahnten, was wir tun mussten. Begannen zu träumen, was wir tun könnten. Ein Sozialzentrum mit Wasser, ein Ort zum Lernen, eine Musikschule. Das Erste war: Wir brauchen gute MitarbeiterInnen. Wen kann ich mitnehmen, wer wird Leute schulen, finde ich jemanden im Dorf? Ich streifte durch die Dörfer, durch die Stadt, lernte Leute kennen. Michael aus Österreich besuchte mich, machte mit. Aber mit ihm kam ich nicht weiter. Er kommentierte alles, löste jedoch kein Problem. Philipp, ein alter Freund, kam immer wieder. Doch die Nähe zu ihm blockierte meine Sehnsucht, auf neue Menschen zuzugehen. Er wartete auf Aufträge, die er dann nicht erfüllen konnte. Erna bot an, den Frauen das Waschen und Nähen beizubringen, wollte letztlich aber nur selbst gelobt werden. Eine junge Volontärin zerstörte die zart wachsende Gemeinschaft mit antiautoritären Revolten. Dumitru spielte genial Schlagzeug, brachte aber keine Schüler in Bewegung. Von manchen Mitarbeitern, so erfahren sie auch waren, mussten wir uns in der Anfangsphase trennen. Plötzlich war ich angewiesen auf Neue. In den Blick kamen Menschen, die etwas wagten, sie haben unseren Traum übernommen. Antoaneta, die in einer Bank arbeitete. Sie hatte keinen Führerschein und wenig Erfahrung in der Sozialarbeit, doch sie hat Führungsqualitäten entwickelt und drängt uns mit neuen Ideen. Adi hatte mit Klarinettenunterricht begonnen und leitet heute unser Schulorchester. Mariuca ist eine einfache Hausfrau aus dem Dorf und hält Haus und Hof in Schwung. Elisabeth stammt aus einer Gärtnerei und leitet das Gartenprojekt mit Roma-Frauen. Andrei ist Tischlermeister mit acht Lehrlingen. Adrian kann nicht viel, ist aber ehrgeizig und will Manager werden. Therese führt behutsam die Gemeinschaft mit schwierigen Kindern. Diese sieben Schüler machten es möglich, dass ein neues Werk entstand. Manchmal mit übertriebenem Ehrgeiz, verrückten Ideen und mit Risiken, die mich an die Grenzen brachten.

Das Evangelium zählt nicht zufällig sieben Schüler auf, denen Jesus nach der Auferstehung sein neues Werk anvertraut. Die Zahl Sieben verweist auf die Tage der Schöpfung. Jetzt beginnt Neues. Das ist das Thema des Johannesevangeliums, das wörtlich wie der Schöpfungsbericht der Genesis anhebt. Es sind besondere Persönlichkeiten, die das Neue verlangt. Weniger die Bewährten oder jene, die auf Sicherheit aus sind. Nein, die Kritischen, die Frechen, die Ehrgeizigen und solche, die aus Fehlern gelernt haben, braucht es für eine Neuschöpfung. Das Evangelium identifiziert diese Persönlichkeiten.

Den Bewahrenden stehen die Wagemutigen gegenüber. Ein Unternehmen lebt von neuen Ideen, wer hat sie? Das alte Europa ringt mit dem Neuen. Die müde gewordene Kirche verlangt neue Persönlichkeitsprofile. Wann bist du einmal den riskanten Weg gegangen?