Mehr einander, weniger sich

Josef Steiner

Liebe ist spüren, was der andere nötig hat. Wie offen bin ich für Ungewohntes, Neues, Fremdes?
Dies trage ich euch auf: Liebt einander!
Joh 15, 17

Rabbi Mosche Löb von Sasow, er lebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Galizien, galt als großer Meister der Liebe. Diese Kunst, so erzählte er, habe er von einem Bauern gelernt. Der saß mit anderen Bauern in einem Wirtshaus und trank. Lange schwieg er wie die anderen auch. Als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: „Sag du, liebst du mich oder liebst du mich nicht?“ Der andere antwortete: “Ich liebe dich sehr.“ Er aber sprach wieder: „Du sagst: Ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen.“ Der andere vermochte kein Wort zu erwidern, und auch der Bauer, der gefragt hatte, schwieg wieder wie zuvor. „Ich aber“, so schloss der Rabbi seine Erzählung ab, „ich verstand: Das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfen zu spüren und ihr Leid zu tragen.“

Rabbi Löb scheint zumindest im Denken und Handeln bei Jesus in die Schule gegangen zu sein. Denn Jesus hat in der wichtigsten Weisung seiner Bibel „Du wirst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, in der Übersetzung Bubers „Halte lieb deinen Genossen, dir gleich“ in Gewichtung und Ausrichtung eine kleine Änderung vorgenommen. In seiner Bibel wird als Maß der Nächstenliebe das Ich genannt, die eigene Person. Was ich mir wünsche und ersehne, das wünscht und ersehnt sich auch der andere. Eine solche Einstellung ist gesund, normal und bleibend gültig. Im Wort Jesu „Liebt einander!“ – das Wort „einander“ deutet es an – wird der Andere zum Maß der Nächstenliebe. Sein Anderssein, sein Fremdsein sind jetzt Prüfstein und Herausforderung. Jesus ist das so wichtig, dass er sogar seinen Sprachstil ändert. Während er sonst erzählend, werbend, einladend, manchmal auch klagend und beschwörend seine Schülerinnen und Schüler für seinen Weg begeistern will, greift er hier zum Befehlston. „Dies befehle ich euch!“ Ein Auftrag, ein Muss, eine Verpflichtung, eindeutig, klar, unmissverständlich. Warum diese veränderte Gewichtung in der Liebe? Weil in der Gemeinschaft, die er neu gründet, Platz werden soll für Juden, Griechen, Römer, Kelten, Germanen, Platz für Freie, Sklaven, Freigelassene, Platz für Begüterte, Mittelständische, Arme. Ein Schmelztiegel an Völkern, Kulturen, sozialen Welten und materiellen Bedingungen. Das Anderssein der Anderen, das Ungewohnte, das Ungewöhnliche, das Fremde sollen in erster Linie nicht als Konfliktherde und Problembereiche wahrgenommen werden, sondern als Chance, als bevorzugte Orte, Liebe zu lernen.

Dem viel zitierten Satz Jean-Paul Sartres „Die Hölle, das sind die anderen“ stellen Rabbi Löb und Jesus eine andere Sicht gegenüber. Man wird nicht gleich sagen dürfen „Der Himmel, das sind die anderen“, denn einander lieben bleibt eine Herausforderung. Aber eine kreative und schöne, die in der Kunst zu lieben voranbringt. Denn: Liebe ist spüren, was der andere nötig hat. Wie offen bin ich für Ungewohntes, Neues, Fremdes?