Martin Luther – der Reformator und der Sozialaktivist

Dominik Markl SJ

Mose wollte das Gelobte Land sehen, Thomas den auferstandenen Christus. Welche Sehnsucht gibt mir Perspektive?

Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

Johannes 20,24

Martin Luther King beschloss seine letzte Rede am 3. April 1968 mit den Worten: „Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Wie jeder, möchte auch ich ein langes Leben leben. Aber das kümmert mich jetzt nicht. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Und er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergeschaut und das Gelobte Land gesehen. Vielleicht kann ich nicht mit euch hineinkommen. Aber heute Abend sollt ihr wissen, dass wir, als Volk, ins Gelobte Land kommen werden! So bin ich glücklich heute Abend. Ich bin um nichts besorgt. Ich fürchte keinen Menschen! Meine Augen haben die Glorie der Ankunft des Herrn gesehen!“ Am folgenden Tag wurde Martin Luther King erschossen – unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen. Morddrohungen hatten ihm bewusst gemacht, dass sein Leben in Gefahr war. Er rechnete mit dem Schlimmsten. Aber er war zuversichtlich, dass das Ziel seines Lebensprojektes – die Gleichberechtigung schwarzer und farbiger US-Amerikaner – unabwendbar und zum Greifen nahe gekommen war. Er verglich sich mit Mose, der nach vierzig Jahren in der Wüste, nach allen Kämpfen mit Pharao und nach mühsamen Auseinandersetzungen mit dem eigenen Volk, vom Berg Nebo aus das Gelobte Land sehen durfte. Mose konnte nicht selbst in das Land kommen, doch er starb in der Zuversicht, dass sein Volk an sein Ziel gelangen würde.

Im Jahr 1934 hatte Kings Vater Michael am Weltkongress der Baptisten in Deutschland teilgenommen. Beeindruckt von der Reise auf den Spuren Martin Luthers entschloss sich Michael, für sich selbst und für seinen Sohn den Namen des deutschen Reformators anzunehmen. Er ahnte wohl nicht, dass sein Sohn zu einem der größten Sozialaktivisten des 20. Jahrhunderts werden sollte. Martin Luther King Jr. hatte unter den Rassengesetzen persönlich zu leiden. Als Kind verlor er einen weißen Freund, als dessen Vater den Kontakt aus rassistischen Gründen unterband. Als junger Mann beendete Martin die Beziehung zu einer weißen Geliebten, die er heiraten wollte, weil die Ehe sozial nicht akzeptabel gewesen wäre, auch für seine eigene Mutter nicht. Als Jugendlicher hatte Martin Zweifel am christlichen Glauben. Doch entschloss er sich schließlich, Pastor zu werden. Er war überzeugt, dass die Bibel wichtige Wahrheiten enthielt und dass er als Prediger zum sozialen Wandel beitragen könnte. 1964 erhielt King den Friedensnobelpreis.

Die Boston University, an der King sein Doktorat erworben hatte, ehrt ihn mit einem Denkmal – nur zwei Kilometer vom Tatort der Boston Bombings entfernt. Die Stahlskulptur stellt einen Vogelschwarm dar, der himmelwärts aufsteigt. In Stein graviert sind Kings Worte zu lesen: „Weit entfernt davon, die Anordnung eines frommen Utopisten zu sein, ist das Gebot, den eigenen Feind zu lieben, eine absolute Notwendigkeit für unser Überleben.“ Mose wollte das Gelobte Land sehen, Thomas den auferstandenen Christus. Welche Sehnsucht gibt mir Perspektive?