Manches muss untergehen

Ruth Zenkert

Wann muss ich aufgeben, wann muss ich ein Werk schließen? Wann muss ich mich trennen, um neu zu beginnen?

Ich bin es. Siehe, ich will die Flut, das Wasser, über die Erde bringen, um alle Wesen aus Fleisch unter dem Himmel, alles, was Lebensgeist in sich hat, zu verderben. Alles auf Erden soll den Tod finden.
Gen 6,17

1991. Brutalität regierte am Bahnhof in Bukarest. Stark, raffiniert musste man sein, viele Anhänger musste man haben, um „König“ der Straßenkinder zu werden. Schnell war man abgesetzt, wenn einer mächtiger war. Banden bekriegten sich. Es ging ums Überleben. Essen beschaffen, Unterkunft im Kanal sichern, Drogen organisieren. Missbrauch und Gewalt waren an der Tagesordnung. Es sprach für einen Jugendlichen, wenn er die Oberhand gewann, das zeigte gewisse Talente. So nahmen wir den damaligen König Nea Ion heraus und hofften, er werde uns im neu eröffneten Sozialzentrum unterstützen. Denn da ging es nicht viel anders zu als auf der Straße. Er solle seine Autorität bei den Kindern einsetzen, um ihnen und letztlich sich selbst zu helfen. Am Anfang gelang es gut. Seit Nea Ion da war, flogen keine Teller mehr durch den Raum. Das Essen begannen wir mit einem Gebet, die Kinder blieben an den Tischen. Wir schafften es, die Bande nachts in die Betten zu bringen. Konflikte wurden schnell gelöst, es wurde nicht mehr so viel gestohlen. Eine fröhliche Stimmung kam in der schwierigen Gemeinschaft auf. Bald aber wurde es zu ruhig, ich spürte eine Wolke der Angst im Haus. Was war los? Keiner sagte ein Wort. Wir stellten fest, dass hinter dem Lagerhaus ein Treffpunkt war. Kinder verschwanden und tauchten von dort wieder auf. Endlich hatte ein Mädchen den Mut, mir zu sagen, dass jeder eine „Steuer“ zahlen müsse, wenn er ins Haus wolle. Sie wurden gezwungen zu stehlen, um Geld und Zigaretten abliefern zu können. Wir befragten alle Hausbewohner. Mehr und mehr Untaten kamen ans Tageslicht. Die Mädchen wurden zu Freiern geschickt, die Buben mussten Passanten am Bahnhof berauben. Nea Ion war leider wieder auf seinen schlechten Weg gekommen. Jetzt gab es nur eines: Er musste weg. Er bekam sofort Hausverbot. Wir mussten das Zentrum für einige Tage schließen. Nur die Kleinen behielten wir bei uns, um sie zu schützen. Wir informierten die Polizei am Bahnhof. Nea Ion wurde bald darauf festgenommen, jahrelang saß er im Gefängnis.

Wir hatten das Werk mit Enthusiasmus begonnen. Doch dann riss die Flut der Gewalt alles mit, so wie es in der Genesis beschrieben ist. „Siehe, ich will die Flut, das Wasser, über die Erde bringen, um alle Wesen aus Fleisch unter dem Himmel, alles, was Lebensgeist in sich hat, zu verderben. Alles auf Erden soll den Tod finden.“ Nicht zu fassen, dass Gott untergehen ließ, was so gut begonnen hatte.
Erst im Rückblick haben wir erkannt, dass unser Überleben mit gewalttätigen Straßenkindern unter einem Dach und die plötzliche Ruhe durch noch größere Gewalt erkauft war. Angst regierte, es war kein Friede. Die negative Entwicklung war an einen Punkt gekommen, wo es kein Zurück mehr gab.

Ich habe gelernt, mich von Scheinerfolgen nicht blenden zu lassen und der unheimlichen Stille in der Erziehung zu misstrauen. Schlechtigkeit fällt nicht vom Himmel, sondern hat eine lange Entwicklungszeit – bis sie zerstört.
Wann muss ich aufgeben, wann muss ich ein Werk schließen? Wann muss ich mich trennen, um neu zu beginnen?