Mächtige Worte

Max Heine-Geldern SJ

Welche Zusage gibt mir Halt mitten im Chaos?

„Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.“

Gen 1,9f

Sie schaut die werdenden Eltern an. Die junge Ärztin sucht nach Worten, kleidet ihre Erkenntnis in den Mantel des Verdachts: beim Kind könnte etwas nicht in Ordnung sein. Es wäre besser, wenn die Eltern einen Experten aufsuchen würden. Ihre vagen Worte genügen dem Vater nicht. „Was ist Ihre Vermutung?!“ Zögernd entfaltet sie ihre Deutung des Organscreenings. Der Kleinhirnwurm zwischen den beiden Lappen hat sich nicht gut entwickelt.

Sie vermutet ein Dandy-Walker Syndrom. Die Folgen können unterschiedlichen Grades sein. Aber die Wahrscheinlichkeit einer starken Behinderung und ständiger Schmerzen ist hoch. „Kann es sein, dass sie sich doch irren?“ fragt die Mutter nach. „Das würde ich mir wünschen, aber dann würde ich morgen hier kündigen.“ Ihr Verdacht fällt wie eine Flutwelle über die beiden. Ungewissheit wirft sie hin und her. Drei Tage später soll ihr Termin beim Experten sein. Simon und Agnes suchen nach Halt, erkundigen sich bei einer befreundeten Ärztin. Doch auch sie kann die Diagnose nur bestätigen. „Und bitte googlet nicht „Dandy-Walker Syndrom“! Wenn ihr Fragen habt, wendet euch direkt an mich.“ Natürlich googlen sie. Die beschriebenen Szenarien steigern ihr emotionales Chaos.

Sie müssen drei Stunden auf ihre ersehnte Untersuchung warten, um schließlich zu erfahren, dass der Experte noch im Urlaub ist. Ein anderer Arzt untersucht Agnes. Der Kleinhirnwurm sieht besser aus, aber eine totale Entwarnung kann er nicht geben. Die Ungewissheit bleibt. „Wird unser Kind Schmerzen haben? Wie werden wir unseren zweijährigen Sohn darauf vorbereiten? Wie werden wir das finanziell stemmen? Können wir unsere Berufe weiterverfolgen?“ Unter all ihren Fragen taucht eine nicht auf: Wollen wir dieses Kind? „Ja, ich weiß, vielleicht ist es eine naive Vorstellung. Doch wir sind uns sicher, dass wir auch dieses Kind aus ganzem Herzen lieben werden. Dass es glücklich sein wird.“ An dieser Zusage halten sie fest. Sie drängt die Macht der Anfragen zurück. Auf ihr stehend warten sie auf die Untersuchung.

Eine solche Zusage der Liebe bezeugt der Schöpfungshymnus. Beinahe kindlich naiv wirken seine Worte. Doch sind sie von Lebenserfahrungen eines Volkes durchwoben, das immer wieder von Großmächten überschwemmt wird. Die Fluten von fremden Streitkräften kann es nicht bändigen. Sie gleichen dem Meer, das aus der Sicht des kleinen Volkes für Chaos steht. Mitten in seiner Hilflosigkeit wendet es sich aber nicht an die fremden, siegreichen Götter, sondern kehrt sich vielmehr seinem Gott zu. Es erinnert sich an seine Zusage, „ich bin bei euch“ und ringt mit ihr. Dabei erfährt es immer wieder aufs Neue, wie diese Worte den hochschlagenden Krisen standhalten und entdeckt so ihre Tragfähigkeit. Von diesem errungenen Vertrauen kündet selbst sein Name: „Israel – der Gottesstreiter“ (Gen 32,29).

Schließlich ist der ersehnte Termin da. Der erfahrene Arzt schaut die werdenden Eltern an. Er braucht nicht nach Worten zu suchen. Der Kleinhirnwurm hat sich in der Zwischenzeit prächtig entwickelt. Solche Verzögerungen können vorkommen. Simon und Agnes sind fassungslos vor Freude.