Machtlosigkeit ist ein Zustand, in dem sich Größe zeigt

Georg Sporschill SJ

Wie reagiere ich auf Schläge? Unterwürfig oder aggressiv, oder finde ich eine entwaffnende Idee?

Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?

Joh 18,23

 

Nach dem Mittagessen gehen Jesuitenpatres zur Rekreation in die Aula, in der Zeitschriften aufliegen. Manche lesen Zeitung. Das Zusammensein beim Kaffee soll aber der Gemeinschaft dienen. So ist es in einem Jesuitenhaus weltweit üblich. In einem Wiener Haus, in dem vor allem alte Patres lebten, hatte sich eine Gruppe gebildet, die während der Rekreation im Nebenraum Domino spielte. Vier Leute brauchte es und es war nicht leicht, genügend rüstige Kräfte zusammenzubringen, damit ein Spiel zustande kam. Der alte Pater Felix war wegen seiner Sehschwäche kein Kandidat mehr. Daher störte ihn das Spiel, genauso wie das Zeitunglesen. Er wollte sich mit den Mitbrüdern austauschen. Pater Felix, immer in der schwarzen Soutane, saß auf seinem Fauteuil in der Ecke. Er war eine Autorität, etwas unnahbar. Er ließ sich von allen siezen, wie es in früheren Zeiten bei den Jesuiten Regel war.

Eines mittags rief er ins Nebenzimmer: „Na, seid ihr heute beschlussfähig?“ Die spitze Bemerkung ärgerte Pater Maribu, einen der vier Dominospieler. Er war einer der Wenigen im Haus, die noch mitten in der Arbeit standen. Mit seinen fünfzig Jahren gehörte er zu den Jüngsten im Haus und hatte eine große Aufgabe für die Weltmission. Er war wichtig und duldete es nicht, von einem pensionierten Pater gepflanzt zu werden. Er herrschte ihn an: „Alter Mann, bereite dich auf deinen Tod vor!“ Pater Felix hob ganz langsam seinen Kopf und schaute von oben herab durch seine dicke Brille auf Pater Maribu. Ruhig hielt er ihm entgegen: „Seit wann sind wir per Du?“

 

Der kräftige Pater hatte dem Greis einen harten Schlag versetzt. Darüber waren alle erschrocken, und umso mehr erstaunt, wie souverän der alte Pater ihn zum Schweigen gebracht hatte. Ein ähnliches Kräfteverhältnis stellte Jesus im Hof des hohepriesterlichen Palastes her. Er stand in Fesseln vor Hannas, der ihn verhörte. Einer der Knechte schlug Jesus ins Gesicht. Selbst ein gedemütigter Sklave, entlud er seine Aggressionen auf den Schwächeren. Und Viele schauten zu. Jesus, der Geschlagene, reagierte anders. Souverän entgegnete er: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ In der Erniedrigung zeigte er seine menschliche Größe. Er ist der König in der Nachfolge Davids. Als dieser von seinem eigenen Sohn vom Thron gestoßen und verjagt wurde, verspottete ihn Schimi aus dem entmachteten Haus des Saul. Er warf Steine und verfluchte den flüchtenden König. David verbot seinen Begleitern, zurückzuschlagen. Er vertraute darauf, dass sich das Recht durchsetzen würde: „Vielleicht sieht der Herr mein Elend an und erweist mir Gutes für den Fluch, der mich heute trifft.“

 

Wie antworte ich auf Schläge? Unterwürfig oder aggressiv, oder finde ich eine entwaffnende Idee? Machtlosigkeit ist ein Zustand, in dem sich Größe zeigt. Wie reagiere ich, wenn ich gekränkt werde?