Lieben und bleiben, vertiefen und schreiben

Josef Steiner

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.

Da verbreitete sich unter den Brüdern die Meinung: Jener Jünger stirbt nicht. Doch Jesus hatte ihm nicht gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?

Joh 21,23

Die heute übliche Druckausgabe des babylonischen Talmud umfasst 5894 Seiten, in denen unzählige Lehren, Meinungen und Deutungen von großen Interpreten und Lehrern der Bibel gesammelt sind. Auch die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstandene spirituelle Bewegung des Chassidismus begründet und verwurzelt ihr Denken und Formung des Alltags in großen Gestalten des Talmud. Ein damit verbundenes Problem hat Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen in einer Anfrage der Schüler des Rabbi Baruch von Mesbiz, er war ein Enkel des Begründers der Bewegung, festgehalten. „Die Schüler fragten Rabbi Baruch: ,Wie kann wohl ein Mensch zulänglich im Talmud lernen? Da heißt es: Abaji sagt dies, Raba sagt jenes! (Beide Meister des Talmuds in der ersten Hälfe des 4. Jahrhunderts). Es ist, als wäre Abaji aus einer Welt und Raba aus einer anderen. Wie soll man beide aufnehmen und lernen?` Der Rabbi gab zur Antwort: ,Wer Abajis Worte aufnehmen will, muss erst seine Seele an Abajis Seele binden, dann wird er die Worte in ihrer Wahrheit lernen, wie Abaji selber sie spricht. Und will er dann Rabas Worte aufnehmen, muss er seine Seele an Rabas Seele binden. Das ist gemeint, wenn es im Talmud heißt: Wer ein Wort im Namen seines Sprechers spricht, dessen Lippen regen sich im Grab. Wie die Lippen des toten Meisters regen sich seine Lippen.“ Eine innere Verbindung, die Frucht bringt.

Auch das mystische Evangelium des Johannes endet mit dieser Fragestellung, festgemacht im Schicksal des Simon Petrus und des nicht namentlich genannten Lieblingsschülers Jesu. Im letzten Wort Jesu an Simon Petrus – „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht das dich an?“ – muss er lernen, dass es unterschiedliche Wege der Nachfolge gibt. Er, dessen Liebe Jesus noch einmal dreifach erfragen musste, ist gerufen, als Hirte und Führer Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen seiner Liebe in Solidarität mit dem Leiden und Sterben seines Meisters zu tragen, bis hin zum Martyrium. Der Weg des Lieblingsschülers ist ein anderer. Nicht jeder kann führen und leiten, nicht jeder hat die Kraft, sich hinzugeben und muss ein Märtyrer sein. Der Lieblingsschüler darf bleiben. Wie Jesus selber, so formuliert es der Beginn des Johannesevangeliums, am Herzen des Vaters ruhte und auf dessen Herzschlag hörte und immer bei ihm und in ihm bleibend seinen Willen auslegte, so ist am Ende des Evangeliums die Berufung des Lieblingsschülers beschrieben. Bleibend am Herzen Jesu ruhend soll er dessen Willen auslegen. Eine Liebe, die Frucht bringt. Der Lieblingsschüler wird zum Autor bzw. zur Autorin des Johannesevangeliums.

Eine Beziehung als Quelle schöpferischen Tuns zu erleben, das ist ein Geschenk und macht stark und selbstbewusst.