Licht und Schatten im Patchwork

Ruth Zenkert

Wunden und Distanz tun sich auf. In den Spannungen darf das Positive nicht übersehen werden.

Lamech nahm sich zwei Frauen; der Name der einen war Ada und der Name der anderen Zilla.
Gen 4,19

Sie sind ein glückliches Paar. Beate ist die Erbin einer vermögenden Firma, Peter versteht es, das Geschäft erfolgreich zu führen. Drei Kinder bringen Leben ins Haus. Doch Beate langweilt sich bei den immer häufiger werdenden Gesellschaftstreffen, Opernbesuchen, Abendessen, Golfspielen. Sie zieht sich zurück und findet es entlastend, dass Peter mit Lisa aus dem Büro Verpflichtungen wahrnimmt. Auch eine Abwechslung für die alleinstehende Frau. Die Freunde der Familie nehmen Lisa gerne in ihre Kreise auf. Als eines Tages Peter von einer Geschäftsreise aus China zurückkommt, übernimmt die Haushälterin den Koffer und die Wäsche. Hoppla! Aufgeregt ruft sie ihre Chefin in den Keller. Das Flug-Etikett am Koffer zeigt nicht die Destination Hongkong, sondern Barcelona. Und der Passagiername ist auf Lisa ausgestellt. Wie ein heißer Blitz durchfährt es Beate. Am Abend stellt sie Peter zur Rede. Ja, aus der Gesellschaft sei Liebe geworden. Lisa habe alles, was Beate nicht habe. Beate fragt, ob er ausziehen wolle, sie und die Kinder und Enkel verlassen. Auf keinen Fall! Die Familie gebe ihm Rückhalt und Stärke, auch sie … und die Firma. Die Ehefrau braucht lange, um mit der ungewollten Familienerweiterung zurechtzukommen. Dann aber beginnt sie, die Vorteile zu sehen. Sie muss auf keine Veranstaltung, sie wird unabhängig und macht Reisen mit Freunden, sie kümmert sich um Kinder und Enkel. Und schließlich freundet sie sich fast mit Lisa an. Unterstützt sie, als sie krank wird. Versucht zu verstehen, dass Peter sie braucht. Beate wird zum Schutz für die Familie, sie hält alle zusammen. Zum siebzigsten Geburtstag ihres Mannes lädt Beate Lisa ein, er sitzt zwischen beiden Frauen. Das Festessen verläuft nicht gerade locker. Die Festgemeinde am reich gedeckten Tisch hebt die Champagnergläser und trinkt auf Peter. Beate hält eine kurze Tischrede, das Knistern der gespannten Stimmung übertönt beinahe ihre Worte.

Eine Patchwork-Familie ist nicht einfach. Doch wie viele Menschen müssen damit leben, wie auch immer es dazu gekommen sein mag. Im wörtlichen Sinn spannende Beziehungen gibt es schon in der Bibel. Esau nahm zwei Frauen aus hetitischen Familien, was seine Eltern nur schwer verkrafteten. Auch sein Bruder Jakob kam zu zwei Frauen, Rahel und Lea. Von David berichtet die Bibel, dass er zwei Frauen hatte, später kamen noch einige dazu. In unserem Vers heißt es: „Lamech nahm sich zwei Frauen; der Name der einen war Ada und der Name der anderen Zilla.“ Die Namen bedeuten „Schmuck“ und „Schatten“, wobei Schatten auch Schutz meint. Sie waren ihrem Mann Schutz und Freude an der Schönheit. Zwei Schätze, die die die Familie allerdings in eine Spannung brachten, um die sie nicht zu beneiden war.

Ist es nicht so, dass wir alle in- und außerhalb der Familie in unterschiedliche Beziehungen eingespannt sind? Jede mag etwas Gutes und Schönes an sich haben, und doch ist die Frage, ob das Netzwerk lebbar ist. Wunden und Distanz tun sich auf. Doch in den Spannungen darf das Positive nicht übersehen werden.