Lebendige Knotenpunkte

Max Heine-Geldern SJ

Kirche – ein Raum für intime Beziehungen

Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

Joh 21,11

 „Entstauben wir ein Tabu, den Sex! Aus unserem Gebet haben wir ihn verbannt.“ Die Worte des Jesuitenpaters Luis Espinal aus seinem Buch „Und haben nur einen Sinn, wenn wir brennen“ erklingen in der stockfinsteren Kirche. Stille. „Also beschäftigt sich die Pornographie damit.“ Neun große Boxen leuchten rot auf. Schatten bewegen sich lasziv zu südlichen Klängen und eröffnen die Tanzperformance des Jugendzentrums, „Intimität & Beziehung“ (https://www.youtube.com/watch?v=SEcigupmJEk). Mit einem Sprung brechen die Tänzer aus den Boxen, Musik und Bewegungen werden heftiger, getriebener. Unangenehm nah drängen die Darsteller sich an die Zuschauer. Gleichzeitig bringen sie die pulsierende Kraft des Triebes in den Raum. Plötzlich bricht die Musik ab, wechselt dumpfen, heftigen Klängen, die Boxen färben sich blau, und eine Stimme ruft: „Die Sünde des Fleisches ist die oberflächlichste, schlimmer sind Stolz und Egoismus, Grundsünden, die wir fromm schlucken.“ Wie weltflüchtige Asketen marschieren die Jugendlichen an den Boxen vorbei. Ignorieren die Schatten in den Boxen, die sich sehnen, wahrgenommen zu werden. Bis zur Unerträglichkeit fährt die Musik eine Dauerschleife. Wie befreiend wirken die sanften Töne, die sich zaghaft dazwischenschieben! Einer nach dem anderen löst sich vom Fließband und wendet sich den Boxen zu. Die Bewegungen werden zu einem Dialog zwischen Außen und Innen, der schließlich die trennende Wand durchbricht. „Wir können die Sexualität nicht von uns schütteln, wir können den Motor des Lebens nicht verachten. Aber weil wir ihn lieben, wollen wir ihn achten.“ Die beiden Kräfte – Trieb und Askese – beginnen miteinander zu tanzen. Noch wirkt es mehr wie ein Kampf, einmal dominiert der Trieb, dann wieder die Askese. Erst mit der Zeit lernen sie aufeinander zu hören, sich aneinanderzuschmiegen, einander zu geben. Schatten des Herzens Jesu erscheinen in den roten Boxen. Zu den vergehenden Klängen kehren die Paare verändert in die Boxen zurück: „Gott, lass uns nicht vergessen, dass der Sex nicht die letzte Wirklichkeit ist, dass er nur einen Sinn hat, wenn die Liebe ihn verwandelt.“

Begeisterung erfüllt den Kirchenraum.

Ein weites und starkes Netz der Beziehungen hatte dieses sensible Projekt ermöglicht. Das Erste war ein Handschlag zwischen dem Choreographen und mir. Daran knüpften sich zahlreiche Jugendliche an: Tänzer, Musiker, Licht- und Bühnentechniker sowie ein Medienteam. Es war eine intensive, gemeinsame Auseinandersetzung, die das Netz wachsen ließ. Nicht nur in der Größe, sondern vor allem in den Beziehungen der lebendigen Knotenpunkte zu sich selbst, zu anderen, zu Gott. Darin lag seine vereinende Kraft, die sich auf die Zuseher übertrug. Sie fühlten sich in dieses Netz aufgenommen und erlebten so den Kirchenraum als das, was er ist: ein Ort der Beziehung.

Darüber staunten viele. Vermutlich glichen wir dabei Petrus beim Anblick des vollen Netzes. Was für eine Weite und Kraft hat das Netz, wenn wir es dazu verwenden, wozu es geknüpft worden ist: Beziehung zu ermöglichen.