Lagerfeuer des Humanen

Josef Steiner

Auch in einer kalten Welt gibt es Orte der Wärme. An welchen wird mir warm ums Herz?

Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.

Joh 18,18

Es ist ein verstörendes Buch. Denn jede Zeile dieses Romans über das Schicksal eines Asylsuchenden spiegelt eine Welt wider, die nicht allein aus der schöpferischen Fantasie des Autors entsprungen sein kann, sondern am eigenen Leib erlebt werden musste. Die horrenden Geldforderungen der Schlepperunternehmen, für die Familien oft ihr gesamtes Vermögen zusammengekratzt haben. Die ewig lange Flucht durch fremde Länder in geschlossenen Kastenwägen, geöffnet nur in der Nacht an abgelegenen Plätzen zum Verrichten der Notdurft. Die Erstuntersuchungen durch die Polizei bis hinein in die intimsten körperlichen Bereiche. Das Verschicktwerden aus einer Einrichtung in die nächste, wie auf einem Verschiebebahnhof. Die globalen Konflikte verdichtet in einem Zimmer mit zwölf Leidensgenossen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen, ausgetragen mit Gewalt, Alkohol, Drogen. Das endlose Warten auf den Ämtern, dann die Information, dass diese und jene Dokumente noch fehlen. Die ablehnenden Blicke in den Fußgängerzonen und Einkaufszentren. Eine schier endlose Liste an Schwerem und Niederdrückendem. Aber mitten in dieser kalten und frostigen Welt von Unsicherheit, Distanz, Einsamkeit, Gefühllosigkeit, Misstrauen, Ablehnung und Isolation blitzen immer wieder Momente der Wärme auf. Sei es, dass der Flüchtling an kalten Wintertagen auf der Wärmelüftung eines Einkaufszentrums sitzen darf und nicht verjagt wird. Dass sich ein Dolmetscher diskret als helfender Anwalt erweist. Dass eine engagierte Caritashelferin neben materiellen Gütern Zeit mitbringt, zuzuhören. Dass ein Leidensgenosse gute Tipps gibt für die Gespräche vor der untersuchenden und entscheidenden Asylbehörde. Kurzes Aufflackern an Warmherzigkeit, menschlicher Nähe, Mut und Verantwortung, Lagerfeuer des Humanen. Ein verstörendes Buch, sicher einseitig, keine große Literatur, aber geschrieben mit der Feder der Wahrhaftigkeit: Abbas Khudas Roman „Ohrfeige“.

Auch für Petrus und um ihn herum ist es im Vorhof des Hohepriesters dunkel und kalt geworden. Sein spiritueller Lehrer ist verhaftet und weggebracht worden, ebenso sein stützender Begleiter. Jetzt ist er allein, isoliert, einsam. Die Alternative wäre fliehen. Nein, er bleibt, die Liebe hält ihn fest. Und er hat das Glück, dass in der Kälte der Nacht die Wachmannschaft ein Feuer anzündet. Petrus ist mutig und wagt den Schritt zu ihrem Lagerfeuer, obwohl er einem von ihnen bei der Verhaftung Jesu ein Ohr abgeschlagen hat. Die Sehnsucht, seinem Herrn und Meister nahe zu bleiben, überwindet seine Angst. Er sucht Wärme, einen Ort zu bleiben, zu warten. Das Feuer der Fremden wird für ihn im Augenblick zu einem Ort aushaltbaren Lebens. Dass es ihm an diesem Feuer zu heiß werden wird, das weiß Petrus noch nicht.

Auch in einer kalten Welt gibt es Orte der Wärme. An welchen wird mir warm ums Herz?