Kommunikation am Kreuz

Georg Sporschill SJ

In der Not ergeben sich Beziehungen mit scharfen Kanten, Aggressionen und tiefere Freundschaften als im Glück. Erwartungen offenbaren sich.


Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus.

Joh 19,18

Knistern und Knacken in der Leitung, dann ein Rauschen: Endlich hörte ich eine Stimme, die flüsternd, aber eindringlich meinen Namen sagte. „Ich bin es, Moise, ich brauche deine Hilfe!“ Aber Moise war doch im Gefängnis! Wer trieb da einen Spaß mit mir? Sie hatten ihn nach Tulcea versetzt, an der moldawischen Grenze. Einmal hatte ich ihn besucht, es war eine Tagesreise. Pakete konnte man nicht schicken, weil fast alles konfisziert wurde. Manchmal sandte ich ihm Geld, angeblich für Seife und Schreibpapier, obwohl es wahrscheinlich für billigen Tabak ausgegeben wurde. So hatte ich mich darauf eingestellt, Moise nicht so bald wiederzusehen. Doch jetzt, das war eindeutig er! War er etwa ausgerissen? Mit leiser Stimme erzählte er, dass sein Zellenkollege ein Mobiltelefon habe, eingeschmuggelt. Nach der Entlassung könne Radu bei uns mitarbeiten, das habe er ihm versprochen, deshalb dürfe er kurz das Handy benutzen, um ihn uns vorzustellen.

Am nächsten Tag rief mich ein Herr Ilie an. Er stamme aus dem Nachbardorf, dort lebe seine arme Mutter ganz allein. Ob ich ihr nicht Lebensmittel und Kleider bringen könnte, mit einem Gruß. Warum bringst du ihr das nicht selber, fragte ich den Fremden. „Ich muss noch zehn Jahre im Gefängnis verbringen, siebeneinhalb habe ich schon geschafft. Ich habe meine Familie verloren; die Frau hat einen anderen Mann, und bis ich herauskomme, sind meine Kinder erwachsen.“ Es folgte ein ausführliches Geständnis, dass er einen anderen Hirten erschlagen hatte. Moise habe wunderbare Geschichten von mir erzählt und ihm meine Nummer gegeben.

In Versprechungen und im Stiften von Beziehungen war Moise immer schon ein Meister. Das ging so weit, dass er anderen in seiner Zelle – sie waren vierzig in einem Raum – so viele Zusagen für Zigaretten und Kaffee machte, die ich schicken würde, dass ihm Prügel angedroht wurden, weil die guten Sachen auf sich warten ließen. Er musste in eine andere Zelle verlegt werden. Dort freundete er sich umgehend mit dem neuen Wärter an, dem „Gabarit“, wie die Gefangenen sie nennen – die vornehme Übersetzung lautet: fetter Hintern. Diesen Gabarit möchte er wiedersehen, sagt Moise. Er habe ihm einiges durchgehen lassen und habe nächtelang zugehört, wenn Moise sich ausgeweint habe.

Heute ist Moise wieder frei. Viele feste, auch schwierige Beziehungen aus dem Gefängnis sind geblieben.

 

Ein Gefängnis in Rumänien kommt der antiken Abschreckungsstrafe für Aufständische und Verbrecher, der Kreuzigung, schon recht nahe. Allen Evangelien ist wichtig, dass Jesus nicht allein gekreuzigt wird, sondern mit zwei Schicksalsgefährten. Lukas schildert die Kommunikation am Kreuz. Der eine verspottet Jesus, der andere bittet ihn um Hilfe und setzt seine Erwartungen auf ihn. Hier zeigt sich Jesus endgültig als „der Mensch“ (Joh 19,5) zwischen zwei Menschen.

 

In der Not ergeben sich Beziehungen mit scharfen Kanten, Aggressionen und tiefere Freundschaften als im Glück. Erwartungen offenbaren sich. Wer ist dir aus schwierigen Zeiten geblieben?