Klug. Großherzig. Mutig

Josef Steiner

Menschen mit einem weiten Horizont sind eine Freude. In ihrer Nähe weht der Wind der Freiheit.

Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.

Joh 20,17b

In Lemberg versammelten sich einmal Leiter von Gelehrtenschulen der jüdischen chassidischen Bewegung. Die Sorge über die Entwicklung vor allem der jungen Menschen in ihren Dörfern und Städten hatte sie zusammengeführt. Sie beobachteten ein stillschweigendes Aufgeben von ihnen wichtigen Lebensformen und Traditionen. Sie beklagten den Sittenverfall, der sich sichtbar zeigte in der Bekleidung und Mode: kurze Röcke anstelle langer Gewänder, geschorene Häupter und rasierte Gesichter anstelle von Schläfenlocken und langen Bärten. Sie sahen eine Generation auf dem Weg zur inneren Emigration aus der jüdischen Glaubenswelt und deuteten das zerbröckelnde Wertesystem als Anzeichen eines Zusammenbruches ihrer gewachsenen Glaubensgemeinschaft. In dieser bedrohlichen Situation „beschlossen die Versammelten“, so berichtet Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen, „einen festen Grenzdamm zu errichten und damit zu beginnen, dass den Ungetreuen fortan verwehrt sein sollte, das geistliche Gericht anzurufen. Doch kamen sie überein, die Gültigkeit des Beschlusses auszusetzen, bis auch Rabbi Wolf von Zbaraz ihm zustimmte. Etliche Lehrer überbrachten ihm Bericht und Ansuchen. ,Liebe ich euch denn mehr als sie?‘, sagte er.“ Der Beschluss blieb unausgeführt.

Jesus baute sein Lebenswerk auf das Fundament Grenzen überschreitender Liebe. Maria aus Magdala durfte das auf intensivste Weise erleben. Darum ist sie jetzt jene, die Jesus zur ersten Botin dieses Bauprinzips der neu gegründeten Gemeinschaft macht. Sie soll in die Fußstapfen ihres großen biblischen Vorbildes Ruth, der Urgroßmutter des Königs David, treten. Jene stand als fremde, heidnische Moabiterin in schwieriger Situation zu ihrer jüdischen Schwiegermutter; sie erklärte sich bereit, mit ihr solidarisch jeden Weg und jede Bleibe zu teilen, und prägte die unvergesslichen prophetischen Worte biblischer Fremdenliebe: „Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“

Jesus nimmt diese Worte Ruths auf und formuliert mit ihnen Marias Sendung. „Geh zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Jesus sendet sie zu ihren jüdischen Schwestern und Brüdern, um sie zu einem Lernprozess zu ermutigen: dass der Gott der Bibel nicht nur ein Gott Israels, sondern auch ein Gott der Völker ist. Wie er sich als Vater und Mutter des Volkes Israels erwies, so will er sich auch als Vater und Mutter der Völker zeigen. Darum sollen sie klug, großherzig und mutig sein Werk fortsetzen und Menschen aus allen Völkern in ihrer Gemeinschaft einen Platz einräumen. Und was ebenso wichtig ist: Sie dürfen bei allen Menschen Gottes Mitgehen und seine Gegenwart suchen und entdecken und deren Religionen achten und ehren. Der Gott der Moslems, der Juden, der Christen, ja aller Suchenden ist der Eine. Menschen mit einer solchen Einstellung sind eine Freude. In ihrer Nähe weht der Wind der Freiheit.