Klare Herausforderung. Ehrliche Bitte. Eindeutige Zusage

Josef Steiner

Je deutlicher die Aufgabe, desto intensiver die Bitte um die dafür notwendigen Begabungen, Kräfte und Stärken. Worum bitte ich?

Amen, amen, ich sage euch: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch in meinem Namen geben.
Joh 16,23b

Rabbi Menachem Mendel von Rymanow lebte in seiner Jugend gemeinsam mit seiner Frau in ärmsten Verhältnissen. Ob aus bewusster Demut und aus Verzicht auf materielle Güter oder wegen fehlender Tüchtigkeit und mangelnder Klugheit war nicht klar. Eines Tages war er bei seinem Lehrer, dem Rabbi Elimelech von Lisensk, zum Essen eingeladen. Der Diener vergaß, dem Gast Rabbi Mendel einen Löffel hinzulegen. Alle aßen, nur er nicht. Sein Lehrer und Meister bemerkte es und fragte: „Warum isst du nicht?“ „Ich habe keinen Löffel“, sagte er. „Sieh“, sprach Rabbi Elimelech, „man muss auch einen Löffel verlangen, und gar erst, wenn sie fehlt, eine Schüssel.“ Rabbi Mendel nahm das Wort seines Lehrers in sein Herz auf. Von diesem Tag an wandte sich sein Los, denn er hatte gelernt, seine Bedürfnisse auszusprechen.

Jesus ist nicht bescheiden. Sein Selbstbewusstsein gründet in seinem Lieblingspsalm, Psalm 2, dem Gebet anlässlich einer Inthronisationsfeier eines Königs. Jesus versteht sich als Gottes geliebter und mit einer besonderen Aufgabe betrauter Sohn, der dem Vater gegenüber die Worte sagen darf: „Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum.“ Dass damit nicht der Weg weltlicher Macht und Dominanz gemeint ist, wie ihm der Teufel als Versuchung einflüstert, sondern der Weg der Hingabe und des Dienens, muss Jesus Schritt für Schritt lernen. Es wird zu seinem großen Erfolg führen. Vor jedem neuen Schritt in seinem Werk hat er nächtelang dieses „Fordere von mir…“ flehend und bittend umgesetzt. Er bittet um ein gutes Auge und eine glückliche Hand für die Auswahl seiner engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und erhält loyale, lernfähige Frauen und Männer. Er bittet angesichts des todkranken Freundes Lazarus um die heilende Kraft der Verwandlung – und darf dann dem Vater im Himmel danken, dass er ihn erhört hat. Und mit der im einsamen Gebet einer Nacht erlebten Ruhe kann er die auf dem Weg in Neues aufgeregten Menschen und Naturgewalten beruhigen. Diese aus dem Erleben gewonnene Einsicht in die Kraft des Gebets gießt Jesus in die pädagogische Regel, so zu bitten und zu fordern, als ob man das Ersehnte schon erhalten habe. Dann werde es Wirklichkeit.

Das ist der Grund, warum Jesus beim endgültigen Abschied von den Seinen ihnen nahelegt, so wie er gegenüber dem Schöpfer und Liebhaber des Lebens nicht bescheiden zu sein. Alles was sie jetzt an Geist, Fantasie, Mut und Organisationstalent brauchen, um ohne ihn seinen Weg und sein Programm umzusetzen, das sollen sie von Gott einfordern. „Amen, amen, ich sage euch: Was ihr vom Vater erbitten werdet, das wird er euch in meinem Namen geben.“ Sie sollen klar sagen, was sie für die Zukunft brauchen. Je deutlicher die Aufgabe, desto intensiver die Bitte um die dafür notwendigen Begabungen, Kräfte und Stärken. Worum bitte ich?