Kinder nehmen Abschied. Wie geht es weiter?

Ruth Zenkert

Um den Abschied zu bewältigen, hilft die Frage: Was nehmen sie mit? Was werden sie aus dem, was sie empfangen haben, Neues machen?

Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
Joh 19,30

Ein bärenstarker Bursche stand vor mir. Seine strammen Oberarme zeigten, dass er sich vor keiner Arbeit scheut. Costel, ein ehemaliges Straßenkind, war vor 25 Jahren zu uns gekommen. Als Jugendlicher war er ein schwieriger Rabauke, ließ seine Kräfte spielen. Aber er machte seinen Weg. Jetzt lebt er in Deutschland, und wenn er Urlaub hat, besucht er uns. So auch diesen Winter. Unsere Kinder in Hosman bewunderten den kräftigen Onkel, er spielte mit ihnen und lachte. Beim Abendessen fragten sie ihn aus. Costel erzählte, wie schwer es für ihn gewesen war, seinen Weg allein zu gehen. Zu arbeiten. Nicht zu klagen, dass die Eltern schuld seien, sondern selber zuzupacken. Zu kämpfen. Und wie schön es sei, wenn man stolz auf sich sein könne. Mit offenem Mund lauschten unsere kleinen Bengel, als Costel von seinem ersten Arbeitsplatz beim Straßenbau erzählte. Und dass er jetzt seinen Traumberuf als Koch habe. Er zeigte ihnen, wie schnell er Zwiebeln schneiden kann. Die Kinder applaudierten begeistert. Er fragte sie, was sie einmal werden wollten. Ionut, der Wildeste, meinte, er wolle Polizist werden. „Dann musst du dich selber ins Gefängnis bringen“, lachte Costel. Und dann wurde er wieder ernst. „Eines möchte ich euch sagen: Das Wichtigste ist, dass ihr auf die Erzieher hört. Ich war früher noch viel wilder als Ionut, glaubt mir. Aber wenn ich nicht auf meine Mama“ – er schaute zu mir – „vertraut hätte, wäre ich wieder auf der Straße gelandet und heute sicher schon tot, wie die anderen, die in Bukarest auf der Straße geblieben sind. Ihr müsst lernen, auch wenn die Schule langweilig ist. Beißt euch durch die Bücher und esst jede Seite. Dann schafft ihr es.“ Die Augen der Kinder klebten an Costel, sie nickten und versprachen ihrem Idol alles.

Mir hat Costel Mut gemacht. Vieles in der Sozialarbeit gelingt nicht, zumindest nicht so, wie wir es uns vorstellen. Aber dieses Leben ist gerettet! Zum Abschied gab es Tränen, doch Costel hat unsere Kinder beflügelt.

„Es ist vollbracht“, sagte Jesus als letztes Wort am Kreuz. Als er voll Vertrauen das Haupt neigte und heimkehrte zum Vater. Dann heißt es – und es ist entscheidend, wie die neue Übersetzung der Bibel formuliert: „Er übergab den Geist.“ Früher hieß es: „Er gab den Geist auf.“ Gesagt sein soll aber, dass das Leben weitergehen soll. Jesus übergibt seinen Geist und seine Kraft an die Schüler. Auch er selbst hatte schon den Geist übernommen, der im Anfang über den Wassern schwebte. Als der Schöpfer das ganze Werk „vollbracht“ hatte (Genesis), wirkte der Geist in der Verantwortung des Menschen weiter. So auch in Jesus, der ein neues Erlösungswerk schuf. Ich habe gesehen, wie das gerettete Straßenkind seinen Mut an unsere Kinder übergab.

Es ist nicht leicht, wenn uns Schüler, Kinder, Mitarbeiter/innen verlassen. Um den Abschied zu bewältigen, hilft die Frage: Was nehmen sie mit? Was werden sie aus dem, was sie empfangen haben, Neues machen?