Kein Kampf der Geschlechter

Josef Steiner

Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?

Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.

Gen 1,27

Kindheitserinnerungen. Unser Vater, sehr musikalisch. In der Mitte der Bauernstube stehend, schwingt er die Gitarre und imitiert das Glockengeläute der Kirche. Jede Saite einzeln zupfend, von den hohen Tönen bis zum Bass, dann alle zusammen. In seiner Begeisterung knallt er die Gitarre an die getäfelte Decke der Stube, lacht verschmitzt und lässt dann das Läuten langsam vor seiner auf dem Boden beeindruckt zuhörenden Kinderschar verklingen. Der Vater, Kinder liebend, spielfreudig und ohne körperliche Berührungsangst. Mitten in der Stube muss er als ein Tragetier herhalten. Wir sitzen auf seinen Rücken, hängen uns an seine Arme, Beine und an seinen Hals, schlüpfen unter seinen Bauch und halten uns an den Hosenträgern fest. Auf allen Vieren beginnt er sich langsam zu bewegen, Schritt für Schritt, richtet sich halb auf, die Arme ausgestreckt, wir an ihm hängend, und wiehert wie ein Pferd. Wir kreischen und lachen und staunen über solch körperliche Kraft. Der Vater, ein begnadeter Geschichtenerzähler. Zusammengedrängt auf harten Holzbrettern auf dem warmen gemauerten Heizofen sitzend, lauschen wir gespannt seiner Geschichte. Das Märchen von „Hänsel und Gretel“ frei interpretierend führt er uns in einen dunklen Wald. Aus Hänsel und Gretel sind mehrere Kinder geworden, aus der Hexe ein männlicher, Furcht erweckender Waldgeist. Rettung kommt – wie bei seinen Geschichten fast immer – durch die besorgten Eltern. Ein Vater – musikalisch, gefühlsbetont, dichtend –, zeichnet das einen Mann aus? Sind das männliche Eigenschaften?

Die Mutter, tüchtig und klug, ein Organisationstalent. Sie heiratet als Tochter eines Bürgermeisters in einen abgelegenen, schwer verschuldeten Bauernhof, ihr Mann ist kein Finanzgenie. Sie macht den Hof schuldenfrei, baut ein neues Wirtschaftshaus, begleitet Planung und Bau, bringt in der schwierigsten Bauphase alle Kinder bei Verwandten und Bekannten kurzfristig unter, vergrößert den Viehbestand, stellt Mägde und Knechte ein. Aus dem maroden Hof wird ein Selbsterhaltungsbetrieb für fünfundzwanzig Leute. Die Mutter, kommunikativ und engagiert, eine Sozialpolitikerin. Neben Familie und Hof sind ihre Welt das Dorf und die Dorfgemeinschaft. Der tägliche morgendliche Messbesuch dient der Erholung von anstrengender Familienarbeit und der Kommunikation im Dorf. Ihre vielen abendlichen Ausgänge führen sie in Häuser von Kranken, Sterbenden und Neugeborenen. Die Mutter, intelligent und offen, eine Gebildete. Sie liest viel, wenn sich Gelegenheit bietet, reist sie, sie diskutiert, hört zu, denkt nach. Eine Mutter – klug, politisch, gebildet -, zeichnet das eine Frau aus? Sind das weibliche Eigenschaften?

Die Bibel eignet sich nicht für den ideologischen Geschlechterkampf. Ihr Menschenbild ist eindeutig. Dreimal verwendet sie ein nur göttlichem Schaffen vorbehaltenes Wort, um die Differenz der Geschlechter als dem Menschsein eingestiftete Gabe und Aufgabe zu betonen. Ein Unterschied, der auf Entdeckungsreise schickt. Was verbinde ich mit „weiblich“, was mit „männlich“?