Kein Boden unter den Füßen

Ruth Zenkert

Zu viel riskiert, zu früh gehen lassen. Ein schmerzliches Lernen.

Die Taube fand nichts, wo sie ihre Füße ruhen lassen konnte, und kehrte zu ihm in die Arche zurück, weil über der ganzen Erde noch Wasser stand. Er streckte seine Hand aus und nahm sie wieder zu sich in die Arche.
Gen 8,9

Die Oma ist gestorben! Eine Erlösung. Für Anca war es sehr schwer gewesen, ihre Mutter – alt, dement, gelähmt – neben aller Überforderung durch ihre vielen Kinder und Enkel in dem kleinen Raum zu versorgen. Oft hatte Ancas dauerbetrunkener Mann gedroht, sie mit den Kindern und der kranken Frau vor die Türe zu setzen. Nun begann die Totenwache, bis zur Beerdigung. Viele kamen nicht zu der verwahrlosten Familie, aber sie waren selbst so zahlreich, dass der Raum um die aufgebahrte Tote voll war. Alle aus der Verwandtschaft versammelten sich, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Auch Paula und Alis, die in unserer Gemeinschaft betreut werden und in die Schule gehen, mussten nach Hause. Ob das gut war? Wir schlugen vor, dass sie über Nacht zu uns zurückkommen sollten, damit nichts passiere. Aber ihre Brüder waren nicht zu einem Kompromiss bereit. Die Mädchen haben da zu sein, nach der Beerdigung könnt ihr sie abholen, sagten sie. Am Friedhof wollten wir mit den beiden schnell gehen. Ob die Angehörigen nach dem Leichenschmaus die Kinder noch weglassen würden? Doch der Umtrunk hatte schon vor der Beerdigung begonnen, keiner war noch nüchtern. Wir gingen mit zum Haus und redeten Anca zu, die Mädchen freizugeben. Der Vater, ein nichtsnutziger Schafhirte, klein von Gestalt, der sich nie um seine Kinder gekümmert hatte, befahl mit wichtiger Stimme, dass sie noch bis zum Abend hierzubleiben hätten. Es gehe schließlich um die Ehre der Oma. Jetzt begann ein verzweifeltes Ringen. Argumente halfen nicht, es fehlte an jeglicher Logik. Sie unterstellten uns, wir würden Geld mit den Mädchen verdienen. Unfassbar. Wir schauten auf Paula und Alis. „Wollt ihr mitkommen? Dann steht auf und wir gehen. Ihr könnt das entscheiden.“ Paula, in einer schmutzigen Jacke, die ihr bis zu den Knien ging, sagte: Ja. Alis hielt sich an ihrem gleichaltrigen Neffen fest, der sie nicht gehen ließ, und wandte sich ab. „Paula, komm mit“, flehte ich. Sie blieb sitzen. Wir boten noch an, die Stromrechnung der letzten Monate zu zahlen – ein letztes Mittel. Anca drückte mir die zerknitterte Rechnung in die Hand. „Kommt Kinder, wir gehen!“ rief ich sie, glücklich, dass wir es geschafft hatten. Die Kinder blieben sitzen. Ich ließ das Papier fallen und ging, sehr, sehr traurig.

Unser Wort aus der Genesis kam mir zu Hilfe. „Die Taube fand nichts, wo sie ihre Füße ruhen lassen konnte, und kehrte zu ihm in die Arche zurück, weil über der ganzen Erde noch Wasser stand.“ Es warf ein Licht auf meine erfolglosen Versuche, aber mehr noch auf die tragische Situation der Kinder. Sie drohten im Unheil zu ertrinken, sie hatten keinen Boden unter ihren Füßen. Was tat Gott? „Er streckte seine Hand aus und nahm sie wieder zu sich in die Arche.“ Gott hört nicht auf, den Lebewesen – auch den Tieren – seine Hand entgegenzustrecken, sie aufzunehmen und zu bergen, wenn sie in Gefahr sind. Das ist ein schönes Bild für Erziehung und Sozialarbeit: die Kinder immer wieder aussenden, gehen lassen, etwas riskieren und zugleich bereit sein, sie zurückzunehmen und neu zu stärken, wenn sie nicht landen konnten. Mit besonderer Liebe, damit sie wegen des Misserfolgs nicht entmutigt werden, sondern daraus lernen, den nächsten Schritt in die Selbständigkeit zu tun. Vielleicht kommen unsere Kinder einmal so weit, dass sie sich von den überforderten Eltern befreien und ihren Weg gehen. Unsere Arme bleiben offen. Wir werden noch mehr für diese Familie tun müssen.