Jeder Lehrer widerlegt sich, wenn er keine Schüler hat

Ruth Zenkert

Auf wen kannst du verweisen, wenn nach deiner Überzeugung gefragt wird? Wo sind die jungen Leute, die deine Anliegen übernommen haben?

Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.

Joh 18,19

„Wir sind der Chor von Ziegental!“ Die Kinderschar schmettert ihr Lied. Den Text haben sie selber erfunden. Sie malen sich aus, wie sie mit der Musik die Welt erobern wollen. Immerhin sind sie beim weihnachtlichen Singwettbewerb im Bezirk damit auf Platz 2 gekommen. Die Sieger hatten ihnen nur voraus, dass sie ein Folklorekostüm trugen. Vor zwei Jahren war es nicht vorstellbar, dass die verwahrlosten Kinder in Ziegental aus ihren Hütten herauskommen, geschweige denn ein Lied singen würden. Ihr Chorleiter ist Asirianu. Auch er hatte eine schwere Kindheit, er ist im Heim und auf den Straßen aufgewachsen. Eines Morgens stand in unserer Dorfmitte ein oranges kleines Zelt. Asirianu war uns aus Bukarest gefolgt, er wollte im Roma-Projekt mitarbeiten. Wir nahmen ihn auf, er sollte den Kindern ein Lied beibringen. Er begann nicht mit dem üblichen Lied vom Zwerg im Wald, das alle langweilt, sondern wählte einen feurigen Hit, den alle aus dem Radio kannten. Die Kinder von Ziegental drängten in den „Asi-Chor“. Seine laute Stimme schien mir oft ungestüm, bis mir eine Musikerin sagte, dass eine „Metallstimme“, wie er sie habe, gesucht sei. Inzwischen trällern alle gerne Volkslieder, die Kinder setzen ein beim Refrain, und Asirianu übernimmt solo die Verse, die er spontan textet. So bringt er alle zum Lachen – und zum Singen.

Der „Herr Professor“ hat keine musikalische Ausbildung. Wenn er seine Hände auf und ab schaufelt, gleichen sie eher einem Mühlrad als den Gesten eines Chordirigenten. Doch die jungen Sänger folgen gebannt seinen Anweisungen. Sie öffnen weit den Mund, inzwischen treffen sie auch den richtigen Ton, sie wippen im Takt, laufen ihrem Meister hinterher. Manches junge Mädchen wagt in der Messe, für ihn eine Fürbitte zu sprechen, und läuft dabei rot an, die anderen kichern.

Wir suchten auch für das Nachbardorf eine Chorleiterin. Eine professionelle Musikerin meldete sich. Sie überzeugte mit zahlreichen Workshops und wissenschaftlichen Arbeiten, die sie gemacht hatte. Mit Stimmbildung und Atemübungen begann sie, die Roma-Kinder in die Musik einzuführen. Doch nicht einmal Schokolade konnte die Kinder verlocken, dabeizubleiben. Sie haben es zu keinem einzigen Lied gebracht. Wie anders läuft es da beim Chor in Ziegental! Von Asirianu springt der Freudenfunke über auf die Kinder und von ihnen auf die Zuhörer, bis alle mitklatschen, schwingen und singen.

Asirianu ist ein erstaunlicher Lehrer. Nicht seine Zeugnisse, nicht seine Biographie, sondern einzig seine Schüler und sein Unterricht sprechen für ihn. Die Schüler sind gültige Zeugen, wie bei Jesus. Das wusste der Hohepriester, als er Jesus befragte. Darin war Jesus mit ihm einer Meinung und verwies seinerseits auf seine Jünger und die Orte, wo er sie suchte und lehrte.

Auf wen kannst du verweisen, wenn nach deiner Überzeugung gefragt wird? Wo sind die jungen Leute, die deine Anliegen übernommen haben?