Intimität – Schicht für Schicht

Max Heine-Geldern SJ

Selten wollen wir nackt gesehen werden. Wir umhüllen uns mit Schichten. Manche davon sind freiwillig, andere ungewollt. Immer sind sie Ausdruck unserer Intimität.
 

„Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen.“
Joh 19,23

Judith liegt auf der Bühne, weiß gekleidet, unschuldig wie ein Kleinkind. Um sie herum haben sechs Jugendliche Position bezogen. Sie stellen Schichten ihres Lebens dar, Geborgenheit, Vertrauen, Freude, Mut. Leise Klaviertöne erklingen, David löst sich von seiner Position und nähert sich langsam Judith. Er beugt sich über sie, schenkt ihr einen Raum der Geborgenheit. Die Tanzperformance „Intimität – Schicht für Schicht“ beginnt.

Wo lege ich Schichten an oder ab? Wer zieht mir eine Schicht über? Wer streift sie von mir? Welche Schichten schützen mich? Welche engen mich ein? Was zeigen die Schichten von mir? Diese Fragen beschäftigten Jugendliche des Jugendzentrums in der Auseinandersetzung mit Intimität. Dabei ging es um ein Nachspüren persönlicher Erfahrungen im Umgang mit ihren Schichten, um ihrer tiefsten Innerlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Johanna löst David ab, übernimmt Judiths Führung und begleitet sie auf ihrer Entdeckungsreise. Judith lernt eine Schicht nach der anderen kennen. Spielerisch geht sie mit ihnen um, tanzt frei auf der Bühne. Die Musik wird ausgefallener. Judith steigert sich in den Rhythmus, tritt vor auf die Bühne, saugt die Musik mit ihrem ganzen Körper auf, dabei treten vier ihrer Schichten in den Hintergrund. Zwei andere schmiegen sich um sie, stacheln sie an, immer mehr von sich preiszugeben. Anfangs gefällt sie sich in dieser werbenden Umgebung. Die warnenden Bewegungen der vier im Hintergrund nimmt sie nicht wahr. Immer roher übernehmen die beiden die Führung, werfen Judith hin und her. Ihr Versuch, auszubrechen, kommt zu spät. Sie ist Gefangene ihrer eigenen Schichten. Am Höhepunkt des Rausches wird sie brutal fallen gelassen. Judith liegt am Boden – verstoßen.

Jesus hängt am Kreuz, jeglicher Schicht beraubt, nackt. Als wäre er gar nicht mehr anwesend, verteilen die Soldaten seine Kleidung unter sich. Jede Erinnerung an ihn wird vernichtet. Das wollen seine Freunde verhindern. Sie salben seinen Leichnam mit wohlriechenden Ölen, umwickeln ihn mit Leinenbinden und legen ihn in eine Ruhestätte. Doch die Binden des Todes halten Jesus nicht fest. Seine Freunde finden sie gelöst im leeren Grab. Sie werden zum Zeichen des Glaubens an den neuen Adam. Keine Schicht soll den Menschen mehr von Gott trennen. „Die Wahrheit ist nackt und ohne Umhüllungen nur spürst du die Hautnähe Gottes“ (Andreas Knapp).

Langsam lösen sich die Jugendlichen aus ihrer Starre, nähern sich Judith. Behutsam wird sie von ihnen aufgerichtet. Anfangs noch unsicher, beginnt sie sich neu zu orientieren, ihre Schichten zu ordnen. Die Musik wird wieder lebendiger. Judith wagt es, sich erneut auf den Rhythmus einzulassen. Sie hat gelernt, mit ihren Schichten umzugehen und weiß nun, wie und wo sie sie braucht oder auf welche sie verzichten kann, um ihrer Intimität Ausdruck zu geben. Eine wichtige Erfahrung auf dem Weg zu jenen Momenten, in denen sie ganz ohne Umhüllung, hautnah da sein möchte.