In Sorge um das Volk

Josef Steiner

Führungskräfte stehen oft vor schwierigen Entscheidungen. Wie denke und rede ich über sie? Wie beurteile ich ihr Verhalten?

Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt.

Joh 18,14

Ruhig saß der junge Mann vor dem verantwortlichen Rabbi seiner jüdischen Gemeinde in Amsterdam und hörte ihm schweigend zu. Unangenehmes hatte dieser ihm zu verkünden. Denn seine Boten, die er geschickt hatte, um das Denken seines ehemaligen Lieblingsschülers zu erforschen, hatten Erschreckendes berichtet. Dieser glaube nicht mehr, dass die Bibel und deren Weisungen zu einem guten Leben göttlichen Ursprungs führten und Mose ihr Autor sei. Er glaube nicht mehr, dass es vernünftige Gründe für ein Jenseits und für eine Existenz nach dem Tode gebe. Er glaube vielmehr, dass Gott ein Produkt menschlicher Vernunft sei und ausschließlich auf philosophische Art im Kopf des Menschen existiere, dass Gott und Natur eins seien. Er sei überzeugt, dass die rituellen und zeremoniellen Vorschriften der Tradition als politische Instrumente nur zur Aufrechterhaltung rabbinischer Macht dienten. Der Rabbi war schockiert. Sein Lieblingsschüler, und jetzt solch ungeheuerliche Gedanken, entsetzliche Ketzereien! Es blieb ihm nichts anderes übrig, als diesen Gotteslästerer aus seiner Gemeinde auszuschließen, um so Unheil und Irreführung von ihr abzuwenden. Er belegte ihn mit einem furchtbaren Bann in der strengsten Form. Mit all den Verfluchungen der Bibel, mit keinem Wort von Buße oder der Möglichkeit von Umkehr und Wiederaufnahme. Immerwährend. Eine Exkommunikation, die allen Juden jeden Kontakt mit dem jungen Mann verbot und diesen in die strengste Isolation führte. So verdichtet in faszinierender Weise Irvin Yalom in seinem Roman „Das Spinoza-Problem“ die entscheidende Begegnung des jungen Baruch Spinoza mit Rabbi Mortera, die seinem Leben die entscheidende Wende brachte. Ab da nannte er sich Benedictus Spinoza und öffnete mit seinem Denken das Tor zur Aufklärung, zur Bibelkritik, zur Bedeutung der Naturwissenschaften. Ein einflussreicher Philosoph.

Kajaphas ist in einer ähnlichen Lage wie Rabbi Mortera, wenn auch aus anderen Motiven. Kajaphas ist der oberste Richter und geistliche Leiter des Landes. Von der römischen Besatzungsmacht eingesetzt, ist er dieser gegenüber in besonderer Weise verantwortlich. Es gilt Unruhe und Aufstände möglichst zu vermeiden, um im Land eine Atmosphäre des pragmatischen Miteinander zu ermöglichen. Die Bewegung des Jesus aus Nazareth ist eine Massenbewegung geworden. In ihr ist viel von Befreiung, Freiheit und Aufbruch die Rede. Es wird gefährlich. Was ist zu tun? Wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden die Römer zu militärischen Mitteln greifen. Ist es da nicht besser, einen Menschen an die Römer auszuliefern, als das gesamte Land in Konflikte zu stürzen? Ein kluger und besonnener Rat der verantwortlichen Führungsperson. Die Bibel beurteilt ihn als prophetisches Wort eines Geistträgers. Jesus wird Kajaphas die Entscheidung abnehmen.

Führungskräfte stehen oft vor schwierigen Entscheidungen. Wie denke und rede ich über sie? Wie beurteile ich ihr Verhalten?