In die Antwort hineinleben

Georg Sporschill SJ

Fragen wirken und stehen lassen ist mehr, als auf eine Frage eine Lösung zu erwarten.

Da sagten einige von seinen Jüngern zueinander: Was meint er damit, wenn er zu uns sagt: noch kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen? Und was bedeutet: Ich gehe zum Vater?

Joh 16,17

 

Den Pfad, über den ich einmal locker gelaufen bin, gehe ich jetzt nur mühsam hinauf. Ich bin froh, dass ich nicht reden muss, denn meine Begleiterin erzählt, es sprudelt nur so aus ihr heraus. Sind es die vielen Probleme, von denen sie mir berichtet und die jetzt auch auf mir lasten? Johanna hatte mich um ein Gespräch gebeten. So sind wir zu einem Spaziergang aufgebrochen. Noch leidet sie unter der Trennung von ihrem Mann, nach langer Ehe fehlt er ihr. Sie hat Angst vor dem Altwerden, allein. Und die Schwester, zum dritten Mal verheiratet, hat drei Töchter mit dem neuen Partner. Sie haben ein Haus gebaut, viele Schulden, er trinkt zu viel und hat jetzt wieder die Arbeit verloren. Ihre Schwester schaut der Wahrheit nicht ins Gesicht. Sie sagt, er müsse eine Fortbildung machen, dann werde schon alles gut werden. Er aber liegt zu Mittag betrunken auf der Couch. Was wird aus den Mädchen? Johanna hat ihr Herz ausgeschüttet. Ich kann ihr keine Lösung nennen, keine Antwort auf ihre Fragen geben. Während wir auf dem Heimweg über die sanften Wiesen wieder hinunter ins Dorf kommen, habe ich auf ihre Fragen nur meinen Fragen. Ich bin ratlos, wir bleiben überfordert von der dunklen Zukunft, haben keinen Strategieplan ausgeheckt. Und trotzdem spüre ich bei Johanna Erleichterung. Obwohl es beim Fragen geblieben ist, hat das Gespräch sie weitergeführt. Es ist noch nichts verloren. Gibt es einen Weg? Für Johanna, weil sie mit den Nichten eine Aufgabe hat? Für ihre Schwester, die vielleicht wieder ihren Beruf aufnimmt? Für den Schwager, wenn er bereit ist, einen Entzug zu machen? Die Fragen bleiben. So leicht mir der Rückweg gefallen ist, so leicht fühlt sich auch Johanna, obwohl ich keines ihrer Probleme lösen konnte. Ermutigt geht sie nach Hause.

Ähnlich mag es den Schülern Jesu ergangen sein, als er mit ihnen von der Zukunft sprach. Es war bedrückend, und sie verstanden nichts mehr. Jesus sagte: „Dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen.“ Dieses Wort wiederholten seine Schüler und diskutierten, führten die Frage aus: „Und was bedeutet, wenn er sagt: Ich gehe zum Vater?“ Sie redeten miteinander, fragten sich gegenseitig. Im Bedenken miteinander fanden sie weiter. Durch die Fragen näherten sie sich den Antworten.

Wunderbar hat es Rainer Maria Rilke in seinem „Brief an einen jungen Dichter“ ausgedrückt: „Ich möchte Sie bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben … Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

Das Geheimnis der wichtigsten Gespräche von Menschen liegt darin, miteinander Fragen des Lebens zu bedenken und sich in Fragen weiterzuleiten. Dann kommt jeder für sich zu einer Antwort.