In der Überforderung gegen den Strom schwimmen

Ruth Zenkert

Wie schreiben wir in diesem Jahr weiter? Welches helle Zeichen setzen wir gegen das Dunkel?

Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind.

Joh 20,30

„Cartier Marghita“ heißt eine neue Siedlung in dem transsilvanischen Ort Nocrich. Bisher standen dort elende Hütten, in denen verwahrloste Roma-Familien hausten, zwischen Müll und Unrat, der nächste Brunnen weit entfernt. Im Dunkel flimmerte nur bei wenigen ein Kerzenlicht. Hepatitis hatte viele Kinder geschwächt. Jetzt leuchten dort in bunten Farben zehn Häuschen, und es wird weitergebaut. Wege wurden geschaffen, im neuen Sozialzentrum bietet Wasser die Möglichkeit zum Waschen, auch in den Häusern wird geputzt. Die wilden Kinder kamen jeden Tag ins Zentrum und wurden gebändigt. Zähneputzen war für sie eine neue lustige Beschäftigung, auch weil die Minze gut schmeckte. Spielen, Zuhören, einen Stift über ein Blatt führen und saubere Linien zeichnen, das wurde mühsam gelernt. Wir hatten den Ehrgeiz, alle für die Schule vorzubereiten, und beschafften die notwendigen Dokumente. Dann kam der erste Schultag. Die Kinder marschierten sauber gekleidet in das große Schulgebäude, das ihnen bisher verschlossen war. Jetzt gehörten sie dazu und durften wie die anderen eine Schultasche tragen. Nach einer halben Stunde waren alle wieder im Zentrum. Alina, die Erzieherin, traute ihren Augen nicht. „Die Lehrer haben uns heimgeschickt, weil wir Läuse haben.“ Enttäuscht warfen die Kinder ihre Taschen in die Ecke. Alina raste in die Schule. Die Lehrer wollten die Unruhegeister nicht. Endlich ließ sich die Direktorin erweichen: Wenn der Schularzt keine Laus mehr finde, dürften die Kinder kommen. Doch dann begann der nächste Konflikt. Nina im Sozialzentrum weigerte sich, die Kinder zu behandeln. Die viele Mühe sei sinnlos, am nächsten Tag würden sie ja doch von zuhause wieder neue Läuse mitbringen. Doch Alina gab nicht nach. Jeden Tag wurden die Kinder mit feinen Kämmen von der „Fußballmannschaft“ – wie sie ihre Kopfbewohner nennen – befreit, mit Essiglösung im Haar wurden neue abgewehrt. Als der Arzt bestätigte, dass die Kinder sauber seien, begann der Kampf, sie am Morgen pünktlich zu versammeln. Die Familien waren nicht gewohnt, morgens im Dunkel aufzustehen. Emil musste jeden Tag an den Häuschen anklopfen und die Kinder herausbringen. Alina schaffte es gegen alle Widerstände, und so zieht jeden Morgen die Kinderschar mit Emil in das Dorf.

In der Dunkelheit der Welt kann niemand generalstabmäßig Lösungen finden. Mit einem Zeichen kann ich jedoch dem Strom eine Richtung geben, die der Hoffnung gegen Lähmung. Ich bin die Erste, die von diesem Strom getragen wird. Es ist interessant, wie das Evangelium endet: Mit dem Hinweis, dass es noch viele andere Zeichen gebe, die nicht in diesem Buch aufgeschrieben seien. Ein Buch wird geschlossen und ein neues eröffnet, nämlich das Buch unseres eigenen Lebens. Wo sind heute die Zeichen, die uns an das Gute glauben lassen? Unsere Aufgabe ist es, das Evangelium mit unserem eigenen Leben weiterzuschreiben, das fünfte Evangelium, vielleicht das wichtigste. Und es an unsere Kinder weiterzugeben.

Wie schreiben wir in diesem Jahr weiter? Welches helle Zeichen setzen wir gegen das Dunkel?