In der Ohnmacht eine Beziehung stiften

Ruth Zenkert

Für wen bin ich Mutter, um wen darf ich mich kümmern? Wer ist mir geschenkt?

Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!
Joh 19,26

Eine kleine Frau, eingehüllt in einen viel zu großen Mantel, auf dem Kopf einen Wollschal, drängte sich am Bahnhof zu mir. Sie müsse unbedingt mit mir reden, bedeutete sie mir. Umringt von Straßenkindern, denen wir jeden Tag Brot und Milch brachten, war das schwer. Sie zog mich zur Seite, dann weiter in einen Hof. Ich ahnte schon … ein Gespräch unter vier Augen hieß am Ende meistens, dass jemand Geld brauchte. „Vier Kinder von mir sind bei euch im Kinderhaus. Ich bin sehr froh, dass es ihnen gut geht. Letztes Jahr ist mein Mann gestorben, hier unten im Kanal. Sie haben ihn hinaufgezerrt, aber es war nichts mehr zu machen.“ Jetzt erst erkannte ich die Mama von Mihai, Cristina, Mihaela und Florin. Die ganze Familie hatte am Bahnhof gelebt, weil sie die Wohnung verloren hatten. So kamen die vier Kinder zu uns. Das traurige Gesicht der Frau schaute mich mit müden Augen an. „Ich bin krank, sehr krank, ich werde nicht mehr lange leben. Bitte nimm auch den Ionut, er ist ein Jahr alt. Er ist das Letzte, was ich habe. Pass auf ihn auf, ich liebe ihn.“ Und da streckte sie mir ihre Arme entgegen und reichte mir das Baby, das sie unter ihrem Mantel verborgen und gewärmt hatte. Sie küsste es – und ging weinend weg. Mit Ionut im Arm ging ich zu den Kindern zurück. Sie strahlten. „Mama Ruth! Wir haben gewusst, dass du ihn mitnimmst.“ Eine der Großen wollte mir erklären, wie ich ihn stillen könne. Nach einigen Tagen suchten wir die Mutter am Bahnhof; sie lag zusammengekrümmt auf einer Bank. Wir brachten sie ins Krankenhaus, wo sie kurz darauf starb. Ionut wuchs bei uns auf, im Kreis seiner Geschwister. Heute ist er ein erwachsener Mann und arbeitet als Kellner. Er hat Saxophon gelernt und kommt in den Ferien zu uns, in „seine Familie“. Wenn wir zusammen musizieren, denke ich oft an das kleine Bündel, das ich im kalten Winter plötzlich in den Armen gehalten hatte. Seine Mutter hat mich zur Mutter gemacht.

„Frau, siehe dein Sohn!“ sagte Jesus zu seiner Mutter, sein erstes Wort am Kreuz. Sterbend stiftete er eine Beziehung. Seiner Mutter vertraute er den Schüler an, den er liebte. Sie würde für immer einen Platz in der Gemeinschaft haben, die Jesus aufgebaut hatte. Die Frau, die Mutter, machte er zur Säule seiner Gemeinde. Maria hatte schon bei der Hochzeit von Kanaan eine führende Rolle. Sie rettete das Fest der Hochzeitsgesellschaft. Sie war die Brücke zu Jesus und sagte den Männern, was sie zu tun hätten, damit die Freude nicht ausgehe. Das zweite Wort am Kreuz richtete Jesus an seinen Schüler: „Siehe, deine Mutter.“ Der Schüler gab ihr Schutz und stärkte sie, als sie schwächer wurde.

Maria, die Mutter Jesu, hat ihren Sohn begleitet und begleitet jetzt sein Werk, die Kirche. Sein Erbe ist, dass sich die Menschen umeinander kümmern. Für mich ist es ein Glück, dass mir die Mutter ihren Ionut anvertraut hat.

Für wen bin ich Mutter, um wen darf ich mich kümmern? Wer ist mir geschenkt?