In der Katastrophe zeigt die Umgebung ihre Gesichter

Georg Sporschill SJ

Wie reagieren die Menschen, wenn sich das Netz zusammen zieht? Drei Möglichkeiten werden hier beschrieben.

Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Hof des hohepriesterlichen Palastes.

Joh 18,15

 

„Die Geldtasche ist weg!“ schrie Bertram, knallte seine schmutzigen Stiefel vors Haus und schlug seine Zimmertür zu. Von draußen hörte man, wie er allein weitertobte. „Ich habs gewusst, und alle haben es mir zuhause gesagt: Den Zigeunern kann man nicht trauen, sie stehlen dir noch das Hemd vom Leib. Andrea! Und umarmt hat sie mich, das Luder.“ Bertram war zwei Wochen bei uns und half, ein Haus zu renovieren. Die kleine Andrea war jeden Tag am Tatort. Sie half mit und eroberte die Herzen der Bautruppe. Sie war die Diebin? Oft hatte Bertram für sie ein Scheinchen aus seiner Geldtasche herausgeholt. Nur sie wusste, wo er das Geld versteckt hatte. Alle waren geschockt, wie konnte Andrea selbst ihren großen Freund bestehlen! Der Nachbar gab noch eins drauf: „Ich sag euch schon immer, dass ihr verrückt seid, den Zigeunern zu helfen.“ Auch die anderen Kinder wendeten sich von der Diebin ab. Bertram bestand darauf, dass die Polizei gerufen wurde. Das halbe Dorf lief zusammen. Zwei Uniformierte stellten die Hütte, in der Andrea mit ihrer Familie lebte, vor aller Augen auf den Kopf. Sie fanden nichts. Mutter und Vater wagten sich einige Tage nicht aus dem Hof, sie schämten sich für ihr Kind. Andrea war nicht mehr im Dorf zu sehen. Die einfältige Victoria hatte sie mit zur Schafherde genommen: „Ich brauche Dich, weil wir jetzt so viele Junge haben.“

Bertram fuhr nach Hause. Ein Nachbar von ihm berichtete uns später, die Geldtasche sei aufgetaucht. Bertram hatte sie selbst in seinem Koffer versteckt und erst zuhause wieder gefunden.

Die Szene vor Andreas Hütte vergleiche ich mit dem, was im Hof des hohepriesterlichen Palastes geschah, als Jesus verurteilt wurde. Seine Bewegung sollte von den Mächtigen zerschlagen werden. Drei aus dem Schülerkreis folgten Jesus in die Gefahrenzone. Simon Petrus, der Anführer der Gruppe. Ein anderer Schüler, vermutlich war es Johannes, der Jesus treu begleitet. Und da war auch Judas, der die Häscher anführte, in der Überzeugung, dass der Messias endlich seine Macht zeigen werde. Die drei Schüler stehen für die Lager, die sich bilden, wenn es für einen Freund eng wird. Ausgerechnet die Führungsgestalt ist feig und verleugnet den Freund. Ein anderer zeigt sich als mutiger Begleiter, wie die Frauen, die Jesus bis unters Kreuz folgen. Im Hof ist selbstverständlich auch der Außenseiter, der Jesus den Heiden ausliefert.

In der menschlichen Schwäche, in der liebevollen Begleitung und in der Verrücktheit sind sie am Werk der Erlösung beteiligt. Jesus hat sie dafür in seinen engsten Schülerkreis aufgenommen.

In der Katastrophe zeigt die Umgebung ihre Gesichter. Andreas Eltern waren zu schwach, um ihr unschuldiges Kind zu verteidigen. Victoria, das Hirtenmädchen, überließ die ausgestoßene Freundin nicht der Meute. Das Evangelium erwähnt Judas im Palasthof nicht, obwohl er die entscheidende Figur ist. Genauso wie Jene, die auf die Seite der Roma treten, wenn ihnen himmelschreiendes Unrecht widerfährt.