In der Freundschaft Feuer fangen

Georg Sporschill SJ

Im Blick auf unsere Aufgaben: Wo ist die Übertragung gelungen? Wo hat mich ein Schüler überrascht?

 
Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.
Joh 17,18

 

Obwohl wir am Samstag länger schlafen, war ich müde, als ich zum Morgengebet in die Kapelle ging. Erschöpft von der Woche, den Begegnungen und Überforderungen, hatte ich vor, mich sofort nach dem Frühstück zurückzuziehen. Es war ruhig am Tisch, offensichtlich ging es den anderen ähnlich. Da ergriff Angelica das Wort. „Was machen wir heute?“ Keine Reaktion. „Wir werden auf den Hausberg gehen! Die Bewegung tut uns allen gut. Wir müssen uns auf unsere Wanderungen im Herbst vorbereiten. Da sollten wir trainieren.“ Zu den Kindern sagte sie: „Und ihr kommt mit. Aber ich möchte heute keine meckernde Sirene hören.“ Wie oft hatte sich Angelica selbst morgens im WC versteckt, bis wir alle zum Laufen aufgebrochen waren. Wie oft war sie selbst die „Sirene“, die jammerte, dass die Füße weh täten. Nun lud sie so entschieden ein, dass alle mitkamen. Auch mich hatte sie überzeugt. Mit ihren kurzen Beinen sauste sie voran, dass selbst ich Mühe hatte, mitzuhalten. Als wir oben am Hügel angekommen waren, wo wir sonst umkehrten, meinte sie, wir könnten noch ein Stück weitergehen. Alle seien so gut unterwegs, dass wir leicht die große Strecke schaffen würden. Gabi reichte es, sie wollte zurück. Mit Geschick übertrug Angelica Simon die Aufgabe, das Mädchen zum Weitergehen zu motivieren. Selten waren wir so fröhlich gewandert, in Rekordzeit – und ohne „Sirenen“. Als wir zuhause ankamen, waren wir durstig, wirklich müde – und glücklich. Angelica hatte uns auf diesen Weg gebracht und mit Charme, Argumenten und Energie motiviert.

„Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.“ Was ist das Besondere an der Aufgabe, die Gott Jesus, dem Messias, gegeben hat? Sein Aufgabenfeld ist nicht Israel, sondern die weite Welt der Völker. Für diese Mission hat Jesus Schüler gesucht und geschult. Jahrelang durften sie ihm zuschauen, wie er auf Fremde in Israel und um Israel zuging, auf Kranke und Suchende. Er teilt mit ihnen den Auftrag, den er als Apostel des Vaters übernommen hat. In Zukunft sollen seine Schüler das Apostolat weiterführen. Sie sollen die Freundschaft weiterpflegen und für die Rettung der Welt arbeiten. Wie Jesus Apostel des Vaters ist, werden sie jetzt seine Apostel in der Welt sein.
Bis zu jenem Samstag war ich es, der unsere Gemeinschaft zum Laufen anspornte. Ich kämpfte bei den Jungen, vor allem aber bei Angelica, gegen den inneren Schweinehund. Jetzt hatte sie mich überrascht und meine Rolle übernommen. Ich sehe, wie sie durch den langen Weg der Freundschaft gewachsen ist. Sie führt die Truppe an, nicht nur beim Wandern, auch in der Arbeit mit den Roma-Kindern und -Familien. Sie weiß, was notwendig ist. Sie zieht die neuen Volontäre mit und sagt ihnen, was zu tun ist. Sie hat die Nähe zu den Müttern. Sie spürt, was sein soll und wo wir uns besser zurückhalten. Angelica hat meine Botschaft verstanden und gibt sie weiter.

Im Blick auf unsere Aufgaben: Wo ist die Übertragung gelungen? Wo hat mich ein Schüler überrascht?