Im Garten der Gefühle

Ruth Zenkert

Wo ist der Raum, in dem du Nähe erfährst und Gefühle zeigen kannst, wo du Lebenskraft und Erkenntnis gewinnst?

 
Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, auf die andere Seite des Baches Kidron. Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein.
Joh 18,1

 

So ein Trottel! Als er ging und hinter sich die Hoftür zuknallte, warf ich ihm noch einige schwarze Gedanken nach. Er hatte mich zur Weißglut gebracht. Markus, ein Volontär, von dem ich erwartet hatte, dass er mich als erfahrener Erzieher in der Leitung der Jungen unterstützen würde, machte wieder einmal Gegenpolitik. Aus einem kleinen Meinungsaustausch mit einem Neuen war eine Grundsatzdiskussion mit Markus entbrannt, die sich bis in den späten Abend gezogen hatte. Außer dass ich mich über seine unsinnigen Argumente aufregte, ärgerte ich mich, dass es ihm gelungen war, meine Nerven so sehr zu kitzeln. Auch in der Arbeit machte er immer, was er wollte – auf jeden Fall nicht, was und wie wir es besprochen hatten. Am liebsten hätte ich ihn nach Hause geschickt. Ich ging ein paar Schritte durch den Garten und genoss die kühle Abendluft. Vielleicht hilft noch ein Tropfen kühler Wein, dachte ich und schaute in den Gemeinschaftsraum. Da saßen noch zwei und diskutierten über einen Brunnenbau. „Was ist mit dir los?“, fragten sie, als sie mein finsteres Gesicht sahen. „Warum lässt du dich auf solche Debatten ein? Du verlierst nur Zeit mit Markus.“ Nun begann auch noch ein Streitgespräch mit ihnen. Ich war den Tränen nahe. Aber sie hatten Recht. Nach einigem Hin und Her fanden wir eine gute Weise, wie ich besser mit Markus umgehen könne. „Du weißt, wie er tickt. Er braucht klare Anweisungen und Termine, keine Fragen. Nimm ihn nicht zu den Gesprächen der Jungen dazu, das kann er nicht verstehen.“ Ich war froh, dass ich mich den beiden anvertraut hatte. Durch die heiße Diskussion mit den Freunden war ich gestärkt. Am nächsten Tag würde ich zu Markus hinausgehen und ihn zur Arbeit motivieren können.

Bei den Freunden durfte ich mein Herz ausschütten. Das nächtliche Zusammensein hatte mich aufgefangen und mir Kraft für den nächsten Schritt gegeben. Als Jesus vor der letzten Entscheidung stand, suchte er Zuflucht in einem Garten und nahm nur noch drei seiner Jünger mit. In diesem geschützten Raum musste er sein Ringen nicht verbergen. „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.“ (Lk 22,42). Er konnte seine Verzweiflung ausdrücken. „Meine Seele ist zu Tode betrübt.“ (Mik 14,34). Und er brauchte auch seine Angst nicht zu verbergen. „Sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.“ (Lk 22,44). Im Garten brachen alle Gefühle aus Jesus heraus, das machte ihn so stark, dass er dann selbstbewusst hinausging und seinen Häschern entgegentrat. Der Garten bot Jesus Früchte, die im Paradiesgarten wuchsen, am Baum des Lebens und am Baum der Erkenntnis. Jesus flüchtete gleichsam unter diese Bäume und gewann so Lebenskraft und letzte Entschlossenheit.

Wo ist dein Garten? Wo ist der Raum, in dem du Nähe erfährst und Gefühle zeigen kannst? Wo du weinen, beten und Fragen stellen kannst? Wo ist dein Garten, in dem du Lebenskraft und Erkenntnis gewinnst, sodass du in die Welt hinaustreten kannst?