Ihr seid Richter der Welt

Ruth Zenkert

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?

Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Joh 20,23

Mit einem Affenzahn raste Novac mit dem Fahrrad davon, ich sah nur noch Staubwolken. Freunde waren angekommen und hatten einige Sachen gebracht, die wir gerade aus dem großen Auto ausluden. Schnell bildete sich eine Traube von Neugierigen und vor allem Gierigen, die ihre Wünsche anbringen wollten. Ahnungslos gaben die Freunde die Pakete den Leuten, die ihre Mithilfe als Anrecht auf ein Geschenk verstanden. Wir hatten alle Mühe, die Sachen ins Haus zu bringen, damit wir sie am nächsten Tag in Ruhe an die wirklich Bedürftigen verteilen konnten. Diese Situation nutzte auch die junge Dorfbande, sie war höchst interessiert an den modernen Fahrrädern. Und so passierte es, dass Novac das tolle Mountainbike nicht in unseren Hof stellte, sondern davonrauschte. Ich sagte der wilden Bande, sie sollten Novac nachlaufen und das Rad zurückbringen, dann hätten sie eine Chance, eines zu bekommen. Sie drucksten bloß herum. Unseren Mitarbeiter fragte ich, warum er nicht besser aufgepasst habe und ob er nicht zu Novacs Vater gehen könne, um das gestohlene Rad zurückzuholen. Doch er hatte Angst. Dann blieb wohl nichts anderes übrig, als selber mit Novac zu reden. Vorher wollte ich noch schauen, dass die Gäste etwas zu essen bekamen. Da sah ich wieder eine Staubwolke. Victor bremste scharf vor mir – mit dem gestohlenen Fahrrad. „Das gehört sicher euch?“, fragte er und schob das Rad in unseren Hof. „Ich habe gesehen, dass ein ausländisches Auto ins Dorf fährt. Und dann kam Novac mit einem neuen Rad … ich habe ihn gestoppt, und er hat zugegeben, dass er es geklaut hat.“ „Danke, lieber Victor! Das Fahrrad gehört dir.“ Victor ist Lehrling in unserer Tischlerei, er wird sicher eine gute Führungskraft.

Mich hat beeindruckt, wie Victor ins Geschehen eingegriffen hat. Er hat nicht gesagt: Was geht mich das an? Er ist nicht feig ausgewichen, er hat sich nicht klein gemacht und gesagt: Was kann ich schon tun? Nein, er hat beherzt das Unrecht aufgedeckt und das Diebesgut zurückgebracht. Alles war wieder dort, wo es hingehörte. Das meint Jesus, wenn er seinen Schülern zutraut: „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen.“ Er ermächtigt seine Schüler, sich für die Schöpfungsordnung einzusetzen. Im biblischen Sinn heißt das als Erstes, die Schwachen zu schützen und Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Jesus setzt seine Schüler als „Richter für die Welt“ ein. Ihre Aufgabe ist es, zwischen Gerechten und Frevlern zu unterscheiden. Sie werden den einen entgegentreten und für die anderen eintreten, sie aufrichten. Dazu stattet Jesus seine Schüler mit göttlicher Vollmacht aus. Niemand soll sagen: Das ist Aufgabe der anderen, Kompetenz des Klerus. Nichts können wir auf die Chefs oder gar auf Gott abschieben. Nein, wir haben von Jesus den Auftrag und sogar die Ermächtigung. Wie ernst es Jesus ist, zeigt seine Drohung: „Denen ihr die Sünden behaltet, sind sie behalten“.

Wegschauen. Ich bin überfordert. Es ist nicht meine Aufgabe. Was tue ich, wenn Unrecht geschieht?