Ich habe unter den Fremden einen Freund gefunden

Ruth Zenkert

Welche Menschen sind dir fremd? Wer lebt ganz anders als du? Wann wurdest du – ganz unerwartet – gestärkt?

Noach ließ einen Raben hinaus. Der flog aus und ein, bis das Wasser auf der Erde vertrocknet war.
Gen 8,7

„Hosman, Nou und Tichindeal haben Kinder ohne Zahl. Elijah tanzt und singt mit ihnen, mit den vielen jungen Raben.“ So lautet ein Vers der Elijah-Hymne. Tatsächlich gehen viele junge Raben in der Musikschule ein und aus. Nicusor sticht heraus, er ist schon etwas größer als die jungen Anfänger. Immer noch spielt er in der Musikgruppe mit, die meisten seiner Kollegen sind schon selbständig, leben in der Stadt, gehen in die Höhere Schule oder arbeiten. Auch Nicusor besucht das Gymnasium, doch er ist oft zuhause, weil er auf seine kleinen Geschwister schauen muss. Die Mutter ist gestorben, der Vater als Taglöhner oft unterwegs. Die fünf Kinder müssen sich alleine durchschlagen. Eine Stütze waren die Freunde in der Musikschule. Mit ihnen spielt Nicusor oft auf Hochzeiten und Dorffesten und hat sich so Geld angespart. Und heute strahlt er, weil er sich damit eine eigene Klarinette gekauft hat. Mit der Musikgruppe wird er auch in Zukunft Geld verdienen, mit dem er sich und seine Geschwister durchbringen kann. Nicusor taucht in die Menge der Kinder ein, und bald höre ich die schönen Stücke, die sie üben.

Raben lassen sich die Roma nicht gerne nennen, ist es doch in Rumänien das schlimmste Schimpfwort für sie. Doch in der Musikschule hat sich das umgekehrt, denn jedes Jahr üben die Jugendlichen für das Sommerkonzert mit dem Namen „Rabentanz“. Die „Raben“ sind es, die allen in der Umgebung Kultur und Musik bringen, die es früher hier nicht gegeben hat.
In der Bibel werden die Raben einerseits kritisch gesehen, sie sind Vögel, die Aas fressen. Das Bild der untergegangenen Stadt Jerusalem wird mit Raben gezeichnet, die auf der Schwelle krächzen, die in den Trümmern wohnen, neben Eule, Igel und Ibis. Sie gehören zu den unreinen Tieren. Andererseits sind die Raben diejenigen, die den erschöpften Elijah auf seiner Flucht retten, indem sie ihm in Gottes Auftrag am Morgen und am Abend Brot und Fleisch bringen. Vielleicht, weil sie hochintelligente und treue Tiere sind. Jesus gibt sie uns zum Vorbild in der rechten Sorge: „Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keine Vorratskammer und keine Scheune; und Gott ernährt sie.“ (Lk 12,24). Gab es auch in Galiläa Roma-Familien?
Die Raben haben es schwer, weil sie keinen guten Ruf haben, weder in der Tierwelt noch heute als Roma. Doch sie sind es, die das Ende der Flut anzeigen. „Der Rabe flog aus und ein, bis das Wasser auf der Erde vertrocknet war.“ Bis Noach Boden unter den Füßen bekam.

Menschen wie Tiere kann man schlechtmachen. Bei genauerem Hinsehen aber spürt man das Unrecht. Roma sind anders, sind uns fremd, deshalb machen sie uns Angst. Aber wenn man unter ihnen einen Freund gewinnt – wie Nicusor -, sind sie nicht mehr Sozialfälle und Bettler, sondern geben dem Menschlichen festen Boden durch ihre Musikalität, ihre Liebe zu Kindern, Lebensfreude, Abenteuerlust, ihren Freiheitsdrang, ihr Unterwegssein. Sie lieben Gott. Die Fremden machen mich stark und mein Leben weit.

Welche Menschen sind dir fremd? Wer lebt ganz anders als du? Wann wurdest du – ganz unerwartet – gestärkt?