Hungrig. Suchend. Neugierig.

Josef Steiner

Die Sehnsucht nach Leben, Tiefe, Abenteuer ist groß. Womit stille ich meinen Durst?

Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet.
Joh 19,28

Rabbi Wolf von Zbaraz war ein wilder und schwer erziehbarer Junge. Doch als er mit dreizehn Jahren zum ersten Mal die jüdischen Gebetsriemen mit der Zusage Gottes, seinem Herzen und seinem Denken nahe zu sein, um Oberarm und Stirn wickelte, wandelte er sich. Er wurde still, bekam ein weites Herz und blickte voll Liebe auf seine Mitmenschen. Einmal beklagte einer seiner Schüler – so berichtet Martin Buber in seiner Sammlung chassidischer Erzählungen –, dass einige Leute ihre Nächte beim Kartenspiel zu Tagen machten. „Das ist gut“, sagte der Rabbi. „Wie alle Menschen wollen auch sie Gott dienen und wissen nicht wie. Aber nun lernen sie sich wachhalten und bei einem Werk ausharren. Wenn sie darin die Vollendung erlangen, brauchen sie nur noch umzukehren – und was für Gottesdiener werden sie dann geben!“ Sucht als wichtiger Ort menschlicher Sehnsüchte und Suche.

Am Kreuz, kurz vor dem Sterben, lässt Jesus noch einmal seine Größe aufleuchten, indem er die Quelle und Antriebskraft seines Lebenswerkes offenbart. Es ist sein Durst, seine Sucht, die Suche nach verantwortbarem Leben, die er von Anfang an in der Schrift, in der Bibel verankern konnte, in deren Gottsuche, in deren Plädoyer und Kampf für ein gerechtes Menschenbild. Die Bibel ist Jesu Durstlöscher, die ihn süchtig machte. Sie trieb ihn hinunter zu den Wassern des Jordan mit der Frage, wie ein gerechtes Miteinander – die Bibel nennt es „Reich Gottes“ – konkret politisch umgesetzt werden könnte. Sie schickte ihn nächtelang zum Ringen und Kämpfen mit Gott, was sein Wille heute sei, was anstehe, welche nächsten Schritte getan werden müssten. Die Bibel öffnete Jesu Augen und Herz für die Armen, sie machte ihn empfindsam für die Fesseln, Abhängigkeiten und Krankheiten der Menschen und für ihre Sehnsucht nach Gesundheit, Würde und Heilung.

Jesus trank so viel erfrischendes Wasser der Bibel, dass er selbst zur Quelle lebendigen Wassers für andere wurde. Aus ihm sprudelt Gesundheit heraus, Worte der Wandlung und des Lebens, die sich auf Kranke übertragen, aufrichten und heilen, die lebensfeindlichen Geister und todbringenden Süchte vertreiben. Jesu Nähe lässt aufatmen, um ihn herrscht Aufbruchsstimmung, er ist ein Born der Hoffnung für Suchende, Hungrige, Neugierige, Unzufriedene. Im Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen kann Jesus selbstbewusst sagen, sie solle die Beziehung zu ihm wagen, mit der Verheißung, dass diese Beziehung für sie zu einer nie versiegenden Quelle guten Lebens werden wird. Am Festtag zur Bitte um Regen stellt sich Jesus im Tempel in Jerusalem öffentlich hin und lädt die Durstigen ein, zu ihm zu kommen und den Durst nach Leben, Tiefe und Abenteuer bei ihm zu stillen. So adelt Jesu Wort am Kreuz „ich dürste“ den Durst, die Sehnsüchte und die Suche der Menschen und bindet sie zurück an die Bibel. Sucht und ihr werdet finden. Die Sehnsucht nach Leben, Tiefe, Abenteuer ist groß. Womit stille ich meinen Durst?