Hochschätzung des Handwerks

Josef Steiner

Welche manuellen Fähigkeiten besitze ich? Wozu nütze ich sie?

Auch Zilla gebar, und zwar Tubal-Kajin, der die Geräte aller Erz- und Eisenhandwerker schmiedete. Die Schwester Tubal-Kajins war Naama.
Gen 4,22

 

Das Arbeitszimmer: ein ausgebautes Dachgeschoss in einem alten Bauernhof. Vor dem Eingang in einem dunklen Stiegenhaus zwei bis an das Dach reichende Wände; an der einen viele Leisten-Rohlinge aus Holz in allen Größen und unterschiedlichen Formen, an der anderen Lederhäute von Rindern, Kälbern und Schweinen. Im Innern des Zimmers zwei große, den Raum dominierende Ledernähmaschinen, thronend auf metallenen Gestellen. An den Wänden Fächer für Nägel, Hämmer, Zangen, Messer, Ahlen, Feilen, und Regale mit verschiedensten Töpfen selbst hergestellter Leime und Klebestoffe. In einem Kasten geordnet nach Größe und Qualität Lederriemen, Lederbänder, Schnürsenkel, Kordeln und Hanfseile. Auf der Werkbank ein aus Stahl gegossener schwerer Amboss. Der Arbeitsplatz unseres Onkels, eines Schusters. Als Kinder durften wir ihm manchmal bei seiner Arbeit zusehen und helfen. Schon beim Betreten seiner Werkstatt ein anderer Geruch, er unterschied sich von dem uns sonst umwehenden Stall- und Heugeruch. Es roch nach Leder, nach Klebstoffen, ein wenig wie Gift und Droge, verstärkt durch des Onkels intensiven Konsum selbstgedrehter Zigaretten; für uns Kinder fremd, aber nicht unangenehm. Wir bewunderten seine Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit. Wie er das weich gemachte Leder mit vorgestanzten Löchern über den Leisten zog, mit der Einlagsohle verknüpfte, die Ledersohle darauf klebte und mit Nägeln, die wir Kinder ihm reichen durften, festklopfte. Das Hämmern war im ganzen Haus zu hören. In Handarbeit hergestellte genagelte Schuhe waren sein Markenzeichen. Im Winter ging er dann – so hieß das damals – „auf die Stör“. Mit einem Korb, in dem sich alles Notwendige für die Herstellung und Reparatur von Schuhen befand, zog er im Dorf von Haus zu Haus, reparierte Schuhe und stellte aus selbstgemachtem grobem Loden Haus- und Winterschuhe her. Manchmal blieb er in einem Haus länger, übernachtete dort, als Entlohnung gab es oft nur Kost und Logis. Unser Onkel, ein kunstfertiger Handwerker und ein stiller Kommunikator für die Dorfgemeinschaft. Dass er dann fünf Jahre lang im Krieg sein Handwerk ausüben musste, damit Soldaten gut beschuht ihren gewalttätigen und zerstörerischen Auftrag erfüllen konnten, hat ihn sprachlos gemacht. Und als die kommerzielle Schuhherstellung über Versandhäuser und Firmen Einzug auch in das abgelegene Bergdorf hielt, wurde aus dem Kunsthandwerker immer mehr ein Flickschuster. Entsprechend arm und bescheiden war dann sein Leben, doch er trug den Wandel mit Fassung und Gelassenheit.
Den Schluss des Stammbaumes Kain bildet auf der männlichen Seite Tubal-Kajin. In seinem Namen sind noch einmal die Urväter Abel und Kain verbunden, die Spannung von Frieden und Pflege und Krieg und Gewalt. Festgemacht ist das in seinem Beruf. Als kunstfertiger Schmied kann er Schmuck, Verzierungen, hilfreiche landwirtschaftliche Geräte wie Beile, Äxte, Pflugscharen herstellen. Mit seinem Handwerk kann er aber auch Waffen, Rüstungen, Pfeile, Schwerter produzieren. Dass die weitere Geschichte des Stammes die Schwester Naama, die Liebliche, die Holde fortschreibt, gibt die Richtung an.

Den Schluss des Stammbaumes Kain bildet auf der männlichen Seite Tubal-Kajin. In seinem Namen sind noch einmal die Urväter Abel und Kain verbunden, die Spannung von Frieden und Pflege und Krieg und Gewalt. Festgemacht ist das in seinem Beruf. Als kunstfertiger Schmied kann er Schmuck, Verzierungen, hilfreiche landwirtschaftliche Geräte wie Beile, Äxte, Pflugscharen herstellen. Mit seinem Handwerk kann er aber auch Waffen, Rüstungen, Pfeile, Schwerter produzieren. Dass die weitere Geschichte des Stammes die Schwester Naama, die Liebliche, die Holde fortschreibt, gibt die Richtung an.