Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Dominik Markl SJ

Der Hölle auf Erden können wir nur mit der Hoffnung entgegentreten, dass auch das grausamste Böse durch die Mächte des Guten besiegbar ist.

Die Gräber öffneten sich, und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.
Matthäus 27,52

Ostkirchliche Anastasis-Ikonen zeigen den auferstandenen Christus, der Adam die Hand reicht, um ihn aus dem Grab zu ziehen. Adam – der erste Mensch – steht für die sündige und todgeweihte Menschheit, die Christus – der neue Mensch – aus dem Reich des Todes befreit. Im Neuen Testament ist dieser Gedanke nur angedeutet. Nach dem Matthäusevangelium öffneten sich, als Jesus gestorben war, viele Gräber. „Ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Hades“, spricht Christus in der Offenbarung des Johannes. Dramatisch ausgestaltet wurde dieses Motiv besonders im apokryphen Nikodemus-Evangelium. Nach dem Tod Jesu beklagt sich Hades, die personifizierte Totenwelt, bei Satan über Bauchgrimmen, da alle seit Anbeginn der Welt von ihm verschlungenen Menschen in seinem Schlund zu rumoren begännen. Satans unvorsichtiger Versuch, Jesus in den Hades zu schicken, würde den Sieg der beiden über die Menschheit gefährden. So stark Hades auch seine eisernen Tore verrammeln lässt, sie vermögen nichts gegen den eintretenden König der Herrlichkeit, bis Hades selbst bekennen muss: „Ans Kreuz wurdest du genagelt und ins Grab gelegt, und eben erst frei geworden, hast du unsere ganze Macht zerbrochen!“ Im Mittelalter erfreute sich das Nikodemus-Evangelium großer Beliebtheit, und es inspirierte Maler bis in die Renaissance zu eindringlichen Darstellungen der Hölle, deren Tore durch Christus aufgebrochen werden. In zahlreichen englischen Mysterienspielen des Mittelalters lautet dieses Thema „The Harrowing of Hell“.

In seinem Buch „The Harrowing of Hell: Dachau“ (1972) beschrieb der US-amerikanische Arzt Marcus Smith seine Erfahrungen bei der Versorgung von 70.000 Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau und seiner Nebenlager. Der Titel erinnert daran, dass sich die Hölle bisweilen auf der Erde breit macht. Vor nur sieben Jahrzehnten herrschte sie in Europa. Die Hölle des Vernichtungskrieges setzte sich noch über Jahre in ethnischen Säuberungen, politischer Verfolgung und in Kriegsgefangenenlagern fort. Während die betroffene Generation und ihre Kinder die traumatischen Erfahrungen oft durch Verdrängung zu bewältigen versuchten, wirken die verdrängten Traumata sowohl bei Opfern als auch bei Tätern noch in der dritten Generation nach. Bisweilen tauchen sie unbewusst in Albträumen oder als Neurosen auf, teils werden sich Enkel der Leiden oder der Taten ihrer Großeltern schmerzlich bewusst. Die Konfrontation mit dem Verdrängten löst zunächst Ängste aus, sie kann aber auch befreiend wirken.

Den Traumata der Menschheit, der Hölle auf Erden und unseren tiefsten Ängsten können wir sinnvoll nur mit der Gewissheit entgegentreten, dass auch das grausamste Böse durch die Mächte des Guten besiegbar ist; dass wir auch für die unschuldigen Opfer teuflischer Gewalt Trost erhoffen können. Syrische Christen bekennen diese Hoffnung dieser Tage auf Arabisch: „Al-Masīh qām! Haqqan qām! – Der Messias ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“