Himmelschreiendes Unrecht

Ruth Zenkert

Wie helfe ich einem Schuldigen? Mit Einfühlsamkeit und Gespräch – bis zur Konfrontation mit den Folgen seiner Tat.

Der HERR sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden.
Gen 4,10

Große Freude! Andrea durfte zu uns nach Hosman ziehen. Und Angelica war begeistert, dass sie eine neue Zimmerkollegin hatte, ein Kind, für das sie sorgen konnte. Dachte sie. Andrea kam an mit einer kleinen Plastiktasche, in der eigentlich nichts war. Wir gaben ihr Zahnbürste, Seife, Handtuch, Unterwäsche, Socken, eine Grundausstattung. Glücklich ordnete sie die Habseligkeiten in das Fach, das Angelica für sie freigemacht hatte. Sie hieß die Neue herzlich willkommen: „Du darfst alles von mir benutzen, schau, das duftende Shampoo, und hier, die Schokolade.“ In den ersten Tagen war alles in Ordnung; Andrea strahlte und sagte über Angelica, sie sei wie eine Mama. Das junge Mädchen machte gut mit in der Haushaltsschule und auch in der Gemeinschaft war sie aufmerksam und wurde gelobt. Da begann es auch schon, ich erkannte es an dem finsteren Blick Angelicas. „Hätte ich Andrea nicht aufgeweckt und angetrieben, hätte sie heute verschlafen”, meckerte sie, und schob nach, dass ihre Zahncreme aufgebraucht sei und das Mädchen sich die Hände vor dem Zwiebelschneiden nicht gewaschen habe. Wir sahen die aufflammende Eifersucht und versuchten Angelica zu besänftigen, dankten für ihre Fürsorge, luden sie zu einem „Elternabend“ mit gutem Essen. Sie beruhigte sich. Doch wenige Tage später kam Andrea, Tränen in den Augen, mit ihrer Plastiktasche, und sagte, sie fahre wieder zurück. Angelica habe sie beschimpft und bedroht. Sie halte das nicht aus. Das war zu viel! Angelica zerstörte die Zukunft Andreas. Wie schwierig würde es nun sein, sie zum Bleiben zu bewegen, ihre Begeisterung neu zu entflammen. „Angelica, weißt du, was du anstellst? Ein junges Mädchen schafft es endlich heraus aus dem Elend – und du stößt sie wieder zurück!“ Nach allen Versuchen, die Beziehung der zwei jungen Frauen zu retten, konnte ich nicht mehr anders, als Angelica, die selber einmal ein Straßenkind gewesen war, damit zu konfrontieren, dass sie jetzt ein Kind auf die Straße treibe.

Wie oft haben wir mit Eifersucht zu kämpfen. Es ist schwer damit zu leben, wenn andere mehr Erfolg haben. Angelica verkraftete es nicht, dass ihr Schützling gelobt wurde, und ekelte das Kind hinaus. Die Bibel zeigt uns Möglichkeiten, mit der Schuld umzugehen. „Was hast du getan? Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden“. Mit diesem Aufschrei konfrontiert Gott Kain mit seinem Verbrechen an Abel. Zuvor hat Gott es mit einfühlsamen Fragen versucht: „Wo ist Abel, dein Bruder?“ Das führt nicht weiter, Kain weicht aus und lenkt ab: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ Der Mörder lässt sich nicht von seiner Last befreien. Als letztes Mittel bricht Gott das Gespräch ab und konfrontiert Kain mit den Folgen seiner Tat. Das Blut im Erdboden schreit zum Himmel. Das Unrecht darf nicht vergessen werden und verlangt Aufklärung. Wir werden sehen, was die harte Konfrontation bei Kain bewirkt.

Wie helfe ich einem Schuldigen? Mit Einfühlsamkeit und Gespräch – bis zur Konfrontation mit den Folgen seiner Tat.