Hilfreiche Leuchten

Josef Steiner

Wann haben mir Sonne, Mond und Sterne zur Orientierung geholfen?

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen.

Gen 1,14

Es war oft und viel dunkel in dem Dorf, am Ende eines kleinen Tales gelegen, nur durch einen Tunnel erreichbar, von hohen Bergen umgeben, die der Sonne den Zugang erschwerten. Ein Elternhaus, ein Einödhof, eine halbe Stunde vom Dorfzentrum entfernt, an einem lawinensicheren Platz an den Waldrand gebaut, auf der Schattenseite des Tales. Drei Monate lang, vom 1. November bis zum 2. Februar, keine Sonne. Im gesamten Haus, wo es in meiner Kindheit erst in Stube und Küche elektrisches Licht gab, wurde es gegen Abend finster. Dunkle Kammern, finstere Gänge – immerhin zum Versteckenspielen und sich gegenseitig Erschrecken wunderbar geeignet – flößten Angst ein. Vor allem der Gang zum „Plumpsklo“ am Ende eines langen Balkons war für uns Kinder in der Nacht und im Winter eine besondere Herausforderung. Das Bettnässen hatte deshalb weniger tiefenpsychologische Gründe, zu wenig geliebt zu werden oder einsam zu sein – bei zehn Kindern und drei Pflegekindern nicht das Hauptproblem – als  praktische: Angst, Kälte, Bequemlichkeit, Unentschlossenheit. Und als wir größer wurden und manche Nächte im Dorf und in dessen Gasthäusern verbrachten, wurde die Heimkehr ohne Straßenbeleuchtung und über  ungesicherte Brücken zweier reißender Bergbäche zu einem gefährlichen Abenteuer.

Gott sei Dank gab es hilfreiche natürliche Leuchten am Himmel. Die Sonne. Am 2. Februar stellte die Mutter, eine tiefgläubige und lebenstüchtige Frau, in der Stube ein Glas Milch auf ein Fensterbrett, zur Begrüßung der Sonne, die in diesem Augenblick ihre ersten Strahlen in das Innere des Hauses schickte. Ein heidnischer Brauch zwar, wir Kinder lachten darüber, aber das kleine Zeichen signalisierte Dankbarkeit und Freude der Mutter. Der Frühling war nicht mehr weit, Licht, Wärme, geschenkt vom Schöpfer des Lichts, begannen neu das Schattendasein aufzuhellen. Dann der Mond. Eine Tante, naturverbunden und sensibel, wusste Bescheid über die verschiedenen Mondphasen und die damit verbundenen Kräfte. Wenn sie vom zunehmenden Mond sprach, war das ein gutes Wort zum Schlafengehen, denn der Gang zum Klo erschien dann leichter. Und schließlich die Sterne. Es mag vielleicht eine Täuschung gewesen sein: Aber in einer klaren Nacht, ich war nicht ganz nüchtern auf dem Heimweg, legte sich das Sternenmeer wie eine Decke mit tausend Lichtern über das Dorf und erhellte mit seinem diffusen Licht den Weg zu Elternhaus, Ruhe und Bett. Bruchstückhafte Erinnerungen aus einer Kindheit und Jugendzeit, in der technische Lichtquellen noch nicht die natürlichen überflüssig machten. Aber gerade darin sehr biblisch.

Denn Gott bastelte aus dem kosmischen Urlicht – so das biblische Bild – mit seinem Wort ein paar kleine für den Menschen nützliche Lichter und heftete sie an die von ihm gehämmerte Festplatte, an den Himmel. Die Sonne für den Tag, Mond und Sterne für die Nacht. Durch sie bekam die Zeit eine Ordnung, eine Form, einen Rhythmus. Wann haben mir diese „himmlischen“ Lichter zur Orientierung geholfen?