Herkunft und Aufgabe

Ruth Zenkert

Gute Mutter, starke Unternehmerin, Clown, Netzwerkerin, Verführer, Rechner, Organisatorin, Gründer – welchen Titel trägst du?

Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.
Joh 19,19

Eine gelbe Taucherbrille auf der Stirn, das wild-krause Haar mit einem Pfeifenputzer zusammengebunden, so blies Fikri mit dicken Backen und leuchtenden Augen einen rosaroten Luftballon auf. Mit den Fingern schnell abgebunden, wurde daraus ein großes Luftherz. Das überreichte er dem Mädchen, das ihn mit angehaltenem Atem fasziniert bewunderte. „Te iubesc!“, „Ich liebe dich!“ Sie strahlte.
Fikri, ein aus Marokko stammender Franzose, war wieder zu unserem Sommerfest gekommen. Er war „der Clown“ aus Paris, nach dem die Kinder sofort gefragt hatten, als die Rede vom „Rabentanz“ war. Wo er auftaucht, zieht er alle in den Bann, nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen. Am Abend bot er ein musikalisches Schauspiel aus allen Sprachen und Kulturen, es ging um Liebe und Tod, alles spontan und komisch, die Leute bogen sich vor Lachen. Am Tag war er umringt von Kindern. Feuerspeiend, jonglierend, akrobatische Übungen zeigend, immer neue Überraschungen aus der riesigen Hosentasche ziehend. Der Clown Fikri war immer „im Dienst“, selbst als wir die Messe feierten, begleitete er das sentimentale Marienlied mit liebevollen, ja ehrfürchtigen Gesten. Irgendwann kam es mir so vor, als würde er gar nicht den Clown spielen, sondern einfach er selbst sein.
Als wir uns nach den drei Tagen seines Dauereinsatzes verabschiedeten, saß er noch eine Weile bei mir. „Ich habe große Sorgen. Ich liebe meine Frau, aber wir verstehen uns nicht mehr gut. Ich möchte sie und meine wunderschöne Tochter nicht verlieren. Ohne mein Kind bin ich der traurigste Mensch.“ Er erzählte, wie sie sich mühten, ihre Wohnung behalten zu können, es sei alles zu teuer in der großen Stadt. Und wie sie umeinander kämpften, und dass er eben oft unterwegs sein müsse, was der Beziehung nicht guttue. Dann brach er auf. Viele Kinder warteten am Tor, sie wollten ihn zum Bahnhof begleiten. Da war er wieder der liebevolle und lustige Clown mit der Taucherbrille, die er jetzt über die Augen schob, damit die Kinder seine Tränen nicht sahen.

Fikri ist Clown, König der Kinder. „Jesus von Nazaret, der König der Juden“ lautete die Inschrift am Kreuz. Es war römischer Brauch, den „Titulus“, also die Schuld des Verurteilten, auf ein Schild zu schreiben, das der Delinquent auf dem Kreuzweg um den Hals gehängt trug. Auf Golgota angekommen, wurde das Schild oben am Kreuz befestigt. Bei Jesus war es in drei Sprachen verfasst, die im Römischen Reich in Jerusalem gesprochen wurden, Griechisch, Hebräisch und Lateinisch. Der Titulus nahm Bezug auf seine Herkunft und seine Aufgabe. Jesus hat das Heil, wie er es im Judentum erlebte, der heidnischen Welt geschenkt: Jeder hat die Würde eines Menschen und ist berufen zur Mitarbeit an dieser Botschaft. Der König der Juden wird für die Heiden hingegeben wie das Lamm, das geschlachtet wird. Die Pilger aus aller Welt, die zum Osterfest nach Jerusalem gekommen waren, konnten es lesen.

Gute Mutter, starke Unternehmerin, Straßenkönig, Clown, Tänzer, Verwalterin, Netzwerkerin, Verführer, Rechner, Organisatorin, Gründer – welchen Titel trägst du?